Die Kunst, Nein sagen zu können

Warum es sich lohnt, viel häufiger Nein zu sagen

Hand auf´s Herz, liebe Leser. Haben Sie auch manchmal Schwierigkeiten, Nein zu sagen? Keine Sorge, Sie sind damit nicht allein. Ganz im Gegenteil, ich glaube sogar, dass die große Mehrheit grundsätzlich eher Ja sagt, obwohl sie eigentlich Nein meint. Möglicherweise kennen Sie es ja auch:

  • Der Kollege fragt, ob Sie an einem bestimmten Tag für ihn einspringen können
  • Ihr nerviger Onkel Sepp fragt, ob er über Ostern bei Ihnen wohnen darf
  • Ihr Chef fragt, ob Sie bereit sind, für ein bestimmtes Projekt Überstunden zu machen

Ich möchte Ihnen ein konkretes Beispiel aus meiner täglichen Arbeit geben. Ich hatte einmal einen Coaching Kunden, der ein kleines Unternehmen führte. 80 Prozent seiner Umsätze machte er mit nur fünf Großkunden. Für diese war er daher auch rund um die Uhr verfügbar. Egal, wie unwichtig das Anliegen auch war, er kümmerte sich umgehend um eine Lösung. „Wow, großartiger Service“ mögen Sie jetzt einwenden. Das Problem war nur, dass mein Kunde daran kaputt ging. Dauerhafter Stress, immer weniger Schlaf und ein permanent vorhandener subtiler Druck. So konnte es nicht weitergehen.

Klarheit schafft Verbindlichkeit

Auf meinen Vorschlag hin, nicht den Service, aber zumindest die Rund-um-die-Uhr-Betreuung herunterzufahren, reagierte er mit Angst. „Was? Dann verliere ich ja meine besten Kunden!“ war seine prompte Reaktion. Also sagte ich: „Lassen Sie uns folgendes probieren. Wir schreiben Ihren Top-Kunden eine E-Mail mit folgendem Text: „Sehr geehrter Kunde, Service wird bei uns groß geschrieben. Um noch besser auf Ihre individuellen Bedürfnisse eingehen zu können, sind wir ab sofort von Montag bis Freitag in der Zeit von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr für Sie da.“ Dann schauen wir, was passiert.“ Mein Coaching Kunde war sehr skeptisch, willigte aber ein. Nach acht Wochen sahen wir uns wieder, und er strahlte übers ganze Gesicht. „Ilja,“ begrüßte er mich, „Sie werden es nicht glauben, aber es läuft besser als zuvor. Die Umsätze sind leicht angestiegen und ich habe endlich wieder Zeit für mich. Am besten aber war die Mail meines absoluten Top-Kunden. Der schrieb mir folgendes: „Für uns war das sehr bequem, aber ich hatte mich schon immer gewundert, warum Sie das so lange mitgemacht haben…“

Einschränkende Glaubenssätze und Überzeugungen

Woran liegt es jetzt, dass so viele Menschen nicht Nein sagen können? Zum einen spielen häufig einschränkende Glaubenssätze und Überzeugungen eine Rolle. Ein paar Beispiele gefällig?

  • Wenn ich jetzt Nein sage, mag mich mein Gesprächspartner nicht mehr
  • Wenn ich jetzt Nein sage, verletze ich meinen Gegenüber
  • Wenn ich jetzt Nein sage, verliere ich meinen Kunden
  • Wenn ich jetzt Nein sage, denkt mein Chef, ich wäre faul

Dann gibt es da noch die Angst vor Ablehnung, Zurückweisung oder möglichen Konflikten. Doch der Grund, aus dem Menschen am häufigsten Ja sagen, obwohl sie eigentlich Nein meinen, ist ein anderer: Sie wollen es allen und jedem recht machen.

Nein, Sie müssen es nicht allen recht machen

Genau darin liegt das große Dilemma. Denn nicht nur ist es vollkommen unmöglich, es allen recht zu machen, sondern es führt direkt zum noch viel größerem Problem. Je mehr wir versuchen, es allen anderen recht zu machen, desto mehr vergessen wir unsere eigenen Werte, Bedürfnisse und Prinzipien. Die Folgen können Sie täglich beobachten:  Stress, Unzufriedenheit und das nagende Gefühl, immer nur ausgenutzt zu werden. Doch das muss nicht sein. Ich behaupte sogar: Je mehr Sie auf Ihre inneren Bedürfnisse hören, desto größer werden auch Ihre Erfolge im Außen sein. Dafür müssen Sie nur eins: Lernen, Nein zu sagen, wenn Sie etwas nicht wollen.

10 wirkungsvolle Tipps, um besser Nein sagen zu können

  1. Akzeptieren Sie, dass Sie es nicht allen recht machen können und schon gar nicht müssen
  2. Nein zu sagen, bedeutet nicht, dass Sie egoistisch handeln und nicht für andere da sein können
  3. Hören Sie auf Ihre Werte, Bedürfnisse und Prinzipien. Sie bilden die Grundlage für jede Entscheidung
  4. Überprüfen Sie Ihre Glaubenssätze und ersetzen Sie hinderliche Überzeugungen durch solche, die Sie weiterbringen
  5. Sagen Sie Nein, wenn Sie Nein meinen. Klarheit schafft Verbindlichkeit
  6. Beginnen Sie vor dem Spiegel (ja, machen Sie das wirklich). Schauen Sie sich in die Augen und sagen dann mit fester Stimme: Nein!
  7. Fangen Sie bei kleinen Dingen an und steigern Sie sich langsam
  8. Nehmen Sie die Reaktionen auf Ihr Nein ganz genau wahr
  9. Begründen Sie im Zweifelsfall Ihr Nein, aber entschuldigen Sie sich nicht dafür
  10. Je mehr Sie wissen, was Sie wollen, desto, leichter fällt es Ihnen, Nein zu sagen

Sagen Sie Ja, indem Sie Nein sagen

Je mehr Sie sich daran gewöhnen, Nein zu sagen, desto mehr werden Sie feststellen, dass Sie sich wohler in Ihrer Haut fühlen. Weil Sie bei sich sind, weil Sie zu Ihren Prinzipien stehen. Aber noch etwas anderes werden Sie erfahren: Sie werden im Ansehen Ihres Umfeld steigen. Weil Sie einen Standpunkt haben und sich trauen, diesen auch zu vertreten. Denn unter dem Strich gilt: Wenn Sie Nein sagen, dann sagen Sie eigentlich Ja.  Ja zu mehr Klarheit. Ja zu mehr Verbindlichkeit. Ja zu mehr Charisma.

Und jetzt interessiert mich natürlich: Wie gehen Sie mit dem Thema um? Wie schaffen Sie es, auch in schwierigen Situationen Nein zu sagen? Schreiben Sie mir Ihren Kommentar, ich freue mich darauf 🙂