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Schneller Höher Weiter ist vorbei – Was Erfolg wirklich ausmacht

schneller höher weiter

Was wir von den 1990er Jahre Werbespots über Erfolg lernen können

Schneller Höher Weiter war über viele Jahrzehnte die einzige wahre Definition von Erfolg. Wusste bereits das Werbefernsehen. In den 1990er Jahren entstanden einige der berühmtesten Spots, die deutsche Regisseure jemals produziert haben. Können Sie sich noch erinnern? Mit einem beherzten „Man, ist der Dickmann“ bissen junge Menschen in schmackhafte Schokoküsse aus der Frischebox, wenn man sich leicht ernähren wollte, griff man zu Gervais Obstgarten, und meine Liebslings-TV-Figur ever – eine ältere Dame namens Tante Tilly – pries die Vorzüge des Geschirrspülmittels Palmolive an, in dem die ihr gegenübersitzende junge Frau gerade ihre Hände badete.

Mein absoluter Favorit stammt allerdings aus dem Jahr 1998 und spielt in einem Restaurant, wo ein Yuppie namens Schröder seinen alten Schulfreund Schober wieder trifft. Eine kurze Begrüßung und schon geht  das pfauenhafte Kräftemessen los. Auf die Frage, wie es ihm denn so gehen würde, antwortet Schröder: „Blendend. Warte mal.“ Dann greift er in seine Jackettasche und legt – begleitet von legendären Worten – nacheinander drei Fotos auf den Tisch: „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot.“ Erwartungsvoll blickt er seinem alten Kumpel Schober in die Augen. Doch dieser lässt sich nicht einschüchtern und überdeckt die Fotos auf dem Tisch mit seinen eigenen Bildern, auf denen noch viel größere Statussymbole zu sehen sind. Dann sagt er triumphierend: „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot.“, um kurz darauf drei weitere Fotos zu präsentieren: „Meine Dusche (pompös). Meine Badewanne (ein riesiger Pool). Mein Schaukelpferdchen (Ein wunderschöner Lipizzaner Hengst).“ Und als der verdutze Schröder vollkommen eingeschüchtert feststellt, dass Schober doch „in der Schule doch immer…“ unterbricht dieser ihn und holt zum finalen Schlag aus. Mit einem süffisanten Lächeln pfeffert er eine Visitenkarte auf den Tisch und verkündet: „Mein Anlageberater.“ Der abschließende Slogan klärt die Zuschauer dann auf, wie sie sich ebenfalls ein Haus, ein Auto und ein eigenes Boot leisten können: „Wenn´s um Geld geht: Sparkasse!“

Schneller Höher Weiter – Muss es wirklich immer mehr sein?

Ja, ich gebe es zu, in den 90ern habe ich noch viel Fernsehen geschaut, aber ich schwelge an dieser Stelle nicht in Erinnerungen, weil mir Sendungen wie Al Bundy, Alf, MacGyver oder Knight Rider heute fehlen. Nein, wenn ich auf den Sparkassen-Werbespot zurückblicke, dann ausschließlich, weil er eine Art Startschuss für ein Phänomen war, dessen Auswirkungen Sie auch heute immer noch beobachten können. Ich spreche von der Philosophie des „Schneller – Höher – Weiter“. Dem Streben nach immer mehr. Mehr Leistung. Mehr Umsatz. Mehr Marktanteilen. Mehr Macht. Mehr Ansehen. Mehr Statussymbolen. Und natürlich mehr Anerkennung von anderen Menschen. Ohne Pause. Ohne Durchschnaufen. Und ohne Dankbarkeit für das, was man bereits ist, erreicht und geschafft hat.

Bei Unternehmen macht sich das klassische Schneller Höher Weiter Denken vor allem im Drang bemerkbar, immer weiter wachsen zu müssen. Sowohl was die KPI´s angeht, aber auch in der Produktentwicklung. Können Sie jeden Tag in fast jeder Branche beobachten. Die Autos werden schneller, die Wolkenkratzer höher und die Werbekampagnen epischer. In unserem persönlichen Alltag kommt das Schneller Höher Weiter insbesondere in Form von Neid und einer extremen Fokussierung auf externe Bestätigung daher. Der Nachbar hat einen neuen 3er BMW gekauft? Dann muss es bei einem selber schon der 5er sein. Man will sich ja schließlich nicht lumpen lassen. Die frustrierende Beraterstelle inklusive 80-Stunden-Woche und Schlafmangel nimmt man nur an, um es dem Freundeskreis zu beweisen. Und um mit der blinkenden Rolex angeben zu können, wird auch schon mal ein Kredit aufgenommen, für den man dann noch härter arbeiten muss. Ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder herausfindet.

Von Fight Club lernen heißt fürs Leben lernen

Und nur, dass wir uns richtig verstehen, ich bin ein riesiger Freund von Leistung, gebe im Job immer Vollgas, und ich belohne mich auch gerne mit schönen Dingen. Allerdings habe ich ein riesiges Problem damit, wenn man sich dem Schneller Höher Weiter verschrieben hat, nur weil man denkt, dass man auf diese Art und Weise beliebt, erfolgreich oder wichtig werden könnte. Weil man sich an einer Definition von Erfolg orientiert, die nicht die eigene ist und damit an den innersten Bedürfnissen und Werten vorbeigeht. Ich muss dann immer an den alten Spruch von Tyler Durden (a.k.a. Bratt Pitt) aus dem Film Fight Club denken: „Wir kaufen uns Dinge, die wir nicht brauchen, mit dem Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“ Da ist was dran, oder? Denn wie viel ist genug? Muss man immer nach noch mehr, noch schneller, noch höher, noch besser oder noch effizienter streben? Gibt es nicht den Zeitpunkt, an dem man mit dem erreichten auch einmal zufrieden sein darf?

So viele Menschen sind darauf fokussiert, was ihnen vermeintlich fehlt und vergessen dabei vollkommen, für das dankbar zu sein, was sie bereits alles haben. Und das ist eine ganze Menge. Es sind die Menschen in unserem Leben, die Arbeit, die wir tun dürfen und die vielen Kleinigkeiten, die wir viel zu häufig als selbstverständlich hinnehmen. Vor kurzem habe ich eine schöne Geschichte gelesen, die sich vor über dreitausend Jahren in Ägypten abspielte. Dort befand sich der Pharao – ein unsympathischer und mies gelaunter Typ – gerade auf der Jagd, als er sich mal wieder so danebenbenahm, dass sogar seine Hunde sauer wurden. Sie knurrten laut, fletschten ihre Zähne und jagten ihn dann Richtung Nil, wo bereits die nächste Gefahr lauerte. Hunderte von Krokodilen versperrten dem König den Fluchtweg. Diese wollten sich gerade auf diesen stürzen, da trat das größte Reptil von allen vor, und bat ihm an, ihn sicher ans andere Ufer zu transportieren. Der Herrscher war so verzweifelt, dass er das Angebot annahm, und zu seiner großen Überraschung geleitete ihn das Krokodil sogar unversehrt über den Fluss. Doch auf der anderen Seite angekommen, erkannte er, dass es sich um Sobek, den Krokodilgott handelte, der eine Gegenleistung dafür verlangte, dass er dem Pharao das Leben gerettet hatte. Der Herrscher sollte dafür sorgen, dass sowohl er als auch seine Untertanen den Fluss und all seine Bewohner mit Respekt und Achtsamkeit behandelten. Solange die Menschen dem Nil und den Tieren die Ehre erwiesen, würde Sobek für eine sichere Überfahrt ihrer Boote sorgen. Der Pakt war besiegelt, und genau so kam es. Nur ein einziges Mal, zweitausend Jahre später vergaß eine Flotte von Militärbooten sich an den Deal mit Sobek zu halten. Während dieser Überfahrt forderte der Fluss über tausend Leben.

Mehr vom Richtigen ist besser als weniger vom Falschen

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, liebe Leserinnen und Leser, aber ich muss bei dieser kleinen Fabel augenblicklich an uns Menschen und unseren Umgang miteinander und mit den Ressourcen dieser Erde denken. Auch wenn uns im Alltag keine Krokodilgötter begegnen, wird das Leben seinen Tribut einfordern, wenn wir es nicht mit Achtsamkeit, Wertschätzung und einem hohen Grad an Dankbarkeit ehren. Und genau aus diesem Grund halte ich es für überfällig, das Ende von Schneller, Höher und Weiter einzuläuten. Für weniger und gleichzeitig mehr zu plädieren.

  • Weniger Oberflächlichkeit.
  • Weniger Egoismus.
  • Weniger Perfektion.
  • Weniger Gleichgültigkeit.
  • Weniger Neid.
  • Weniger Optimierungswahn.
  • Weniger Getriebenheit.

 

  • Dafür mehr Tiefe.
  • Mehr Achtsamkeit.
  • Mehr Bedeutung.
  • Mehr Verantwortung.
  • Mehr Sinn.
  • Mehr Wertschätzung.
  • Und mehr Dankbarkeit.

Die persönliche Definition von Erfolg

Wer wie ein armer Esel permanent der Mohrrübe externer Erwartungen hinterherhetzt, der entfernt sich immer mehr von seinem innersten Kern. Und das führt über kurz oder lang zu Unzufriedenheit, Frustration und Burnout. Stattdessen werbe ich für maximale Dankbarkeit, eine eigene Definition von Zufriedenheit und der ausschließlichen Orientierung an eigenen Erwartungen, Zielen und Bedürfnissen. Was ich damit meine? Wenn Ihre persönliche Definition von Erfolg die Anhäufung von materiellem Reichtum, das steile Erklimmen der Karriereleiter oder die ausschließliche Fokussierung auf Gewinnmaximierung ist, dann gehören Sie möglicherweise zu einer kleinen Minderheit, für die Schneller Höher Weiter genau der richtige Weg ist. Haben Sie hingegen andere Prioritäten wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, legen Wert auf Sinn und Bedeutung oder wollen mit ihrem Unternehmen der Gesellschaft auch etwas zurückgeben, dann sollten Sie dringend eine Kurskorrektur vornehmen. Und genau das wollen wir in diesem Kapitel machen. Wir schauen uns an, wie man eine echte Mission im Leben findet, was das Wechseln von Batterien mit tiefer Erfüllung zu tun hat, und wie es gelingt, sich von den Erwartungen anderer Menschen zu lösen und ganz einfach sein eigenes Ding zu machen. Sind sie bereit? Wunderbar, dann lassen Sie uns loslegen. Und wenn Sie während dieses Prozesses doch einmal Zweifel, Unsicherheit oder Leistungsdruck verspüren sollten, dann möchte ich ihnen gerne das Mantra des ehemaligen Football Coaches und späterem Versicherungsgiganten Art Williams mit auf den Weg geben:

„All you can do is all you can do. And all you can do is enough.“

Ein Satz mit echtem Tiefgang, der mir seit vielen Jahren ein zuverlässiger Wegweiser im oftmals harten Alltag ist.