Stell dir vor, wir unternehmen gemeinsam einen Waldspaziergang, genießen die beeindruckende Natur und führen ein tiefes Gespräch über Freiheit, Sinnhaftigkeit und das Leben an sich. Ich weiß nicht, wie es in deinem persönlichen und beruflichen Umfeld ist, aber ist dir auch schon einmal aufgefallen, dass es so gut wie immer die Menschen mit der geringsten Erfahrung, dem geringsten Wissen und dem geringsten Können sind, die dir voller Inbrunst erklären wollen, warum das, was du vorhast, auf gar keinen Fall funktionieren wird?
Ich spreche von den Zeitgenossen, die immer sofort wissen, was alles nicht geht, für jedes nur denkbare Problem sofort einen passenden Schuldigen benennen können, aber natürlich niemals selbst bereit sind, Responsibility zu übernehmen.
Was umgangssprachlich gerne als viel Meinung, dafür wenig Ahnung bezeichnet wird, hat tatsächlich einen wissenschaftlichen Hintergrund, und dieser ist auf eine tragische Art und Weise auch ein wenig komisch. Er nennt sich Dunning-Kruger effect, und er betrifft uns alle.
Der dümmste Bankräuber aller Zeiten
Im Jahr 1995 raubte in der amerikanischen Stadt Pittsburgh ein Mann namens McArthur Wheeler eine Bank aus. Das Kuriose dabei: Er verzichtete auf die übliche Strumpfmaske und lächelte während seines Coups sogar voller Selbstbewusstsein in die Überwachungskamera.
Doch damit nicht genug, denn später am Tag versuchte er sein Glück direkt ein weiteres Mal bei einer anderen Bankfiliale. Da seine Beschreibung mittlerweile der Polizei vorlag, wurde er auf frischer Tat ertappt. Als der Täter in Handschellen abgeführt wurde und man ihm die Aufnahmen der Überwachungskameras vorspielte, brummelte er gleichsam verwirrt und schockiert immer wieder denselben Satz vor sich hin: „But I wore the Juice?!“
Ich habe doch den Saft aufgetragen. Was er damit meinte: Er war der festen Überzeugung, dass es sich um einen großen Irrtum handeln müsste, da er sich schließlich sein Gesicht großzügig mit Zitronensaft eingerieben hatte. Da diese Substanz in diversen Ganovenfilmen immer wieder als unsichtbare Tinte verwendet wurde, ging McArthur Wheeler wie selbstverständlich davon aus, dass es sich um eine todsichere Methode handeln würde, um auch sein Gesicht unsichtbar zu machen.
Tja, so kann man sich täuschen, und seine Fehleinschätzung handelte ihm viele Jahre hinter schwedischen Gardinen ein.
Der blinde Fleck der eigenen Inkompetenz
Die öffentliche Berichterstattung führte dazu, dass die beiden Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger sich näher mit der menschlichen Tendenz zur Selbstüberschätzung beschäftigten und dabei zu faszinierenden Ergebnissen kamen.
So führten sie eine Studie unter Autofahrern durch, in der 80 Prozent der Teilnehmenden angaben, ihren Fahrstil als überdurchschnittlich gut einzuschätzen, und in einer ähnlichen Befragung unter Hochschulprofessoren gaben sogar 94 Prozent an, ihre eigenen Fähigkeiten besser als die ihrer Kollegen zu beurteilen. Man stellt schnell fest, dass da rein mathematisch etwas nicht stimmen kann.
Die Erkenntnisse ihrer weiterführenden Forschungen fassten Dunning und Kruger im Jahr 1999 an der Cornell University zusammen, und der nach ihnen benannte Effekt besagt Folgendes:
Menschen mit geringen Fähigkeiten und wenig Wissen in einem bestimmten Bereich neigen dazu, ihre eigenen Kompetenzen zu überschätzen, während sie gleichzeitig die Leistungen kompetenter Menschen massiv unterschätzen.
Dies liegt vor allem an zwei Gründen: Zum einen erkennen Personen mit geringer Kompetenz nicht das Ausmaß ihrer Inkompetenz, da ihnen das nötige Wissen fehlt, um ihre eigenen Mängel wahrzunehmen.
Und gleichzeitig neigen Personen mit hoher Kompetenz oftmals dazu, ihre eigene Expertise zu unterschätzen, da sie fälschlicherweise annehmen, dass Aufgaben, die für sie einfach sind, auch für andere einfach sein sollten. Und wäre das nicht schon schlimm genug, laufen diese Prozesse auch noch automatisiert im unbewussten Mind ab, sodass die betroffenen Menschen es nicht einmal mitbekommen.
Die Auswirkungen kannst du im Alltag so gut wie überall beobachten:
- Zu jeder Fußballweltmeisterschaft mutieren 80 Millionen normale Menschen über Nacht zu Hobbybundestrainern, die alles besser wissen und jede Entscheidung garantiert anders treffen würden als das professionelle Trainerteam.
- Viele Männer sind zutiefst davon überzeugt, grandiose Autofahrer zu sein, während Frauen ein großes Risiko im Straßenverkehr darstellen würden. Laut Statistischem Bundesamt werden die meisten Unfälle prozentual allerdings von Männern verursacht.
- Das Internet ist voller selbsternannter Virologen, Klimaforscher, Wirtschaftsexperten, Mediziner und Juristen, die sich ein wenig mit einem Thema auseinandergesetzt haben und den wirklichen Experten voller Inbrunst erklären, warum diese trotz jahrzehntelanger Erfahrung leider überhaupt keine Ahnung haben.
- Wohl jeder kennt dieses eine Familienmitglied, das zu jedem Thema eine Meinung hat, sich immer gut auskennt und grundsätzlich alles besser weiß.
Immer dann, wenn jemand zu einem komplexen Thema voller Überzeugung eine einfache Antwort parat hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du gerade den Dunning-Kruger-Effekt im Alltag beobachtest, denn er führt in der Regel zu einer sich selbst verstärkenden Spirale der Inkompetenz, weil man umso weniger bereit ist zu reflektieren und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, je mehr man von den eigenen Fähigkeiten überzeugt ist.
Jeder will Veränderung, aber niemand will sich selbst verändern
In meinen Lectures führe ich regelmäßig eine Umfrage durch, wer alles einen veränderungsresistenten Menschen kennt, und hier liegt die Antwortquote in der Regel bei 99 Prozent. Wenn ich im nächsten Schritt jedoch frage, wer sich selbst als veränderungsresistent einschätzen würde, dann liegt diese nur bei knapp zwei Prozent.
Noch Fragen? Jeder kennt jemanden, der sich gerne mit aller Macht an der Vergangenheit festklammert, aber niemand will selbst zu dieser Kategorie gehören. Und aus genau diesem Grund ist der Umgang mit Transformationsvorhaben in Organisationen auch so herausfordernd:
Jeder will Shift, aber niemand will sich selbst verändern.
Und jetzt kommt der Teil, der mich am meisten fasziniert, und für den du vielleicht ein wenig Mut brauchst. Während du diese Zeilen liest, hast du möglicherweise gedacht: „Wie wahr, ich kenne so viele Menschen in meinem Umfeld, die Opfer des Dunning-Kruger-Effekts sind, zum Glück bin ich aber nicht betroffen.“
Wenn das so ist, solltest du dir eingestehen, dass er just in diesem Moment mit voller Kraft auch bei dir wirkt. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass du die Ausführungen zu unbewussten Phänomenen interessiert gelesen hast, dann aber ebenfalls unbewusst einen dieser Gedanken im Kopf hattest:
- Das kenne ich schon.
- Das kann ich schon.
- Das weiß ich schon.
- Das ist doch nichts Neues.
- Und vielleicht am gefährlichsten von allen: Das mag für andere Menschen relevant sein, ich bin davon nicht betroffen.
Diese Gedanken kennen wir alle, weil sie uns immer wieder durch den Kopf gehen. Wichtig ist nur, dass wir sie wahrnehmen, denn etwas zu wissen bedeutet nicht, es auch anzuwenden, etwas zu kennen bedeutet nicht, dass du es auch beherrschst, und etwas zu können bedeutet nicht, dass du es auch konsequent und dauerhaft umsetzt.
Und vor allem: Egal, wie gut du bereits bist, du kannst immer etwas dazulernen, deine Fähigkeiten verbessern und dich als Persönlichkeit weiterentwickeln.
Wie du dem Dunning-Kruger-Effekt ein Schnippchen schlägst
Wie kannst du diesem psychologischen Phänomen nun begegnen? Die Erkenntnis ist wichtig, dass ein wenig Beschäftigung mit einem Thema in Kombination mit gesundem Menschenverstand oftmals nicht ausreicht, um komplexe Probleme zu lösen, und wenn du diese Einsicht mit regelmäßiger Reflexion und der Übernahme von Verantwortung kombinierst, dann ist das schon mehr als nur der erste Schritt.
Wenn du dann zusätzlich noch in jede Diskussion mit der Bereitschaft gehst, dass die Möglichkeit besteht, dass du falsch liegen könntest, hast du bereits einen riesigen Vorsprung vor dem Großteil deines Umfelds.
Konkret kannst du dir folgende Fragen stellen, wann immer du merkst, dass dein innerer Hobbybundestrainer die Kontrolle übernehmen will:
- Was wäre, wenn ich gar nicht alles wissen, kennen oder können würde?
- Welche Chancen könnten sich ergeben, wenn ich diese Idee einfach ausprobieren würde?
- Was könnte ich lernen, wenn ich mich intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen würde?
- Wie müsste ich anders denken und handeln, damit diese Idee für meinen Alltag wirklich wertvoll werden kann?
- Was ist die eine Erkenntnis, die ich direkt in meinem Leben umsetzen kann?
Merkst du, welche riesige Kraft in Fragen steckt, die den Fokus auf Chancen, Möglichkeiten und Lösungen richten? Solltest du die Entscheidung treffen, den Switch von „Kenn ich schon, kann ich schon, weiß ich schon“ auf „Was kann ich lernen? Wie könnte dieser Gedanke mir helfen?“ zu vollziehen, dann ist das die Philosophie des lebenslangen Lernens, und sie ist der Schlüssel zur goldenen Tür der Freiheit.
Denn am Ende des Tages geht es immer um eine einzige, dafür aber alles entscheidende Frage: Willst du recht haben oder glücklich sein?