Dankbarkeit üben: Warum du nicht gleichzeitig dankbar und unglücklich sein kannst

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Dankbarkeit üben Warum du nicht gleichzeitig dankbar und unglücklich sein kannst

Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen, und ich sitze an meinem mobilen Schreibtisch, den ich direkt neben dem Teich in meinem Berliner Garten aufgebaut habe. Eine gute Tasse Kaffee steht neben dem Laptop, die Vögel machen ordentlich Lärm und auf meinen Kopfhörern läuft das Live-Konzert zum 30-jährigen Bandjubiläum von New Model Army. Und in der Anmoderation zu ihrem Knallersong Orange Tree Roads sagt Sänger Justin Sullivan dem Publikum einen Satz, der mich sofort innehalten lässt und mich gleichzeitig daran erinnert, warum ich seit Jahren aktiv Dankbarkeit übe: „Wenn ihr euch nicht verändert, dann seid ihr wahrscheinlich schon tot.“

Ich lasse das kurz sacken. Da ist nämlich wirklich etwas dran, wenn man genauer darüber nachdenkt. Wachstum und Leben gehören zusammen wie Morgen und Kaffee, und beides macht erst dann richtig Sinn, wenn man lernt, Dankbarkeit zu üben für das, was bereits da ist, bevor man sich auf das konzentriert, was noch fehlt. Klingt simpel. Ist es aber nicht, weil die meisten von uns genau das Gegenteil tun.


Die Red Car Theory: Dein Fokus bestimmt deine Realität

Darf ich dich kurz zu einem Experiment einladen? Denk mal an deinen heutigen Weg zur Arbeit, zur Uni oder zum Sport. Wie viele rote Autos sind dir dabei begegnet? Keine Ahnung? Kein Problem, das ist vollkommen normal. Aber stell dir jetzt vor, ich würde dir 50 Euro für jedes rote Auto zahlen, das dir auf deinem nächsten Weg begegnet. Ich wette, du würdest mir plötzlich eine sehr genaue und ziemlich hohe Zahl nennen können, weil du auf einmal rote Autos überall wahrnimmst.

Dieses Phänomen ist auch als Red Car Theory bekannt und erlangte durch ein Podcastinterview weltweite Berühmtheit, in dem die Selfmade-Millionärin Elena Asher ihrem Gastgeber Jacob Giron genau dieselbe Frage stellte. Es verdeutlicht auf eine eindrucksvolle Art, wie dein Gehirn funktioniert: Sobald du deinen Fokus auf etwas richtest, stellst du plötzlich fest, wie sehr du bisher mit Scheuklappen durchs Leben gegangen bist. Du hast dir ein neues Auto gekauft? Auf einmal scheint jeder dasselbe Modell zu fahren. Du lernst ein neues Sprachmuster in einem Seminar? Erstaunt, wie viele Menschen es tagtäglich bereits verwenden. All diese Dinge waren immer schon da, doch weil wir meistens mit selektiver Wahrnehmung durch den Tag gehen, bekommen wir es schlicht nicht mit.

Und auf exakt die gleiche Weise verhält es sich mit Glück, Chancen, schönen Momenten und Gründen, dankbar zu sein. Diese Dinge sind in deinem Leben im absoluten Überfluss vorhanden, wenn du lernst, aktiv nach ihnen Ausschau zu halten. Dankbarkeit üben bedeutet also zunächst: deinen Fokus umprogrammieren, von dem, was fehlt, zu dem, was bereits da ist.


Drei Steinmetze und eine Frage, die alles verändert

Es gibt eine alte Geschichte, die ich bei jedem meiner Vorträge erzählen könnte, ohne dass sie je an Wirkung verlieren würde. Drei Steinmetze arbeiten eines Tages in einem Steinbruch, als ein Reisender vorbeikommt und jeden der drei fragt, was sie dort täten.

Der erste sagt: „Ich haue Steine.“

Der zweite: „Ich verdiene meinen Lebensunterhalt, um meine Familie ernähren zu können.“

Der dritte: „Ich erschaffe das Material für eine Kathedrale, die Menschen für Jahrhunderte inspirieren wird.“

Dieselbe Tätigkeit. Dieselben Rahmenbedingungen. Und doch eine vollkommen andere Lebensrealität, je nachdem, durch welche Brille man auf die eigene Arbeit und das eigene Leben schaut. Der erste hat einen Job. Der zweite hat eine Karriere. Der dritte hat eine Berufung.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist eine, die es sich lohnt, regelmäßig ehrlich zu beantworten: Mit welcher Perspektive gehst du durch deinen Alltag? Und was würde sich verändern, wenn du Dankbarkeit üben würdest wie ein Handwerk, das man täglich schärft, nicht als spirituelles Wellness-Ritual, sondern als bewusste Entscheidung, die Kathedrale hinter dem Stein zu sehen?


Die Weltreise und das Privileg, das wir vergessen

Seit ich denken kann, bin ich intensiv gereist, habe verschiedene Kulturen erlebt und sowohl Metropolen als auch winzige Dörfer mitten im Nirgendwo besucht. Und egal, wohin ich gehe, ob es Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt oder nur ein paar Minuten von meinem Haus in Berlin entfernt ist, werde ich immer wieder daran erinnert, wie privilegiert ich bin.

Als weißer Mann, der in einem sicheren europäischen Land geboren wurde, in einem liebevollen Haushalt aufgewachsen ist, immer genug zu essen hatte, nie Hunger, Gewalt, Krieg oder Armut kennenlernen musste und sich in seiner beruflichen Laufbahn nie aufgrund von Geschlecht, Religion oder Hautfarbe rechtfertigen musste, habe ich schlicht und einfach einen Lottoschein nach dem anderen zugeteilt bekommen. Das ist keine Selbstgeißelung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Im krassen Gegensatz dazu kämpfen Milliarden Menschen auf diesem Planeten jeden Tag mit Diskriminierung, Hunger, Gewalt, Armut und mangelnder Bildung. Einfach, weil sie das Pech hatten, an einem anderen Ort geboren worden zu sein als du oder ich. Während wir in der westlichen Welt darüber diskutieren, welches KI-Modell für unseren Workflow das Beste ist oder ob wir unser Mittagessen lieber von Lieferando oder Uber Eats liefern lassen, dreht sich woanders jeder Gedanke ausschließlich um die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse.

Und genau daran denke ich ganz bewusst, wenn ich mich mal wieder über eine Situation, das Verhalten anderer Menschen oder ein vermeintliches Problem ärgern will. Weil mir in diesem Moment klar wird, dass es sich in den allermeisten Fällen um eine absolute Belanglosigkeit handelt, und es so viele Menschen gibt, die zum gleichen Zeitpunkt mit ganz anderen Dingen zu kämpfen haben und wirklich alles dafür geben würden, wenn sie mit mir tauschen könnten. Dann atme ich einmal tief durch, danke dem Universum für mein wunderbares Leben und lasse die negativen Emotionen los.

Das klingt vielleicht nach einer etwas großen Ansage, aber die Technik dahinter ist dabei denkbar simpel.


Die eine Frage, die alles relativiert

Immer wenn mich etwas aufregt, nervt oder frustriert, stelle ich mir eine einzige Frage: Geht es hier um Leben und Tod?

In den allermeisten Fällen lautet die Antwort Nein. Das Paket, das nicht rechtzeitig angekommen ist? Nicht Leben und Tod. Die E-Mail, die den falschen Ton hatte? Nicht Leben und Tod. Das Meeting, das sich wieder mal um eine Stunde verschoben hat? Nicht Leben und Tod. Und sobald mir das klar ist, verändert sich buchstäblich alles. Der Ärger verliert seine Energie, die Situation bekommt ihre richtige Proportion zurück, und ich kehre zu dem zurück, was wirklich zählt.

Das ist Dankbarkeit üben in der Praxis, nicht als morgendliches Ritual mit Duft-Kerze und Meditationskissen, sondern als Handwerkszeug für den ganz normalen Alltag, das dir hilft, gelassener, fokussierter und zufriedener zu werden.


Du kannst nicht gleichzeitig dankbar und unglücklich sein

Es gibt eine Einsicht, die mir erst durch jahrelanges Beobachten wirklich klar geworden ist. Sie klingt auf den ersten Blick fast zu simpel, um wahr zu sein.

Du kannst nicht gleichzeitig dankbar und aggressiv sein.

Du kannst nicht gleichzeitig dankbar und frustriert sein.

Du kannst nicht gleichzeitig dankbar und schlecht drauf sein.

Siehst du, worauf ich hinauswill? Dankbarkeit ist kein nettes Add-on für besonders spirituell veranlagte Menschen. Sie ist ein Universalschlüssel, der im wahrsten Sinne nicht kompatibel ist mit den negativen Zuständen, die uns im Alltag am häufigsten aus der Bahn werfen. Das ist kein esoterischer Anspruch, sondern eine sehr praktische Beobachtung. Wenn du aktiv Dankbarkeit üben lernst, schließt du gleichzeitig eine ganze Reihe von emotionalen Türen, die dich sonst viel Energie kosten.

Der amerikanische Jazzmusiker Lionel Hampton hat das in einem Satz zusammengefasst, den ich seitdem nicht mehr vergessen habe: „Dankbarkeit sind Erinnerungen, die im Herzen und nicht im Kopf gespeichert werden“. Das ist ein feiner Unterschied, denn Erinnerungen im Kopf verblassen, werden überschrieben und verlieren ihre Kraft. Aber was das Herz gespeichert hat, das bleibt.


John Cena, ein Sonnenuntergang und die richtige Frage am Abend

Ich schreibe regelmäßig in einem Journal, was ich für eine der unterschätzten Gewohnheiten überhaupt halte. Nicht als Tagebuch, sondern als Raum, um Gedanken zu sortieren, Ideen festzuhalten und die Dinge zu notieren, für die ich dankbar bin. Neulich habe ich dort einen Satz von John Cena hineingeschrieben, der mich wirklich berührt hat:

„Ich dachte immer, ich sei auf dieser Welt, um ein WWE-Wrestling-Superstar zu sein. Dann habe ich mit der Schauspielerei begonnen, und weil es mir leicht fiel, sah ich mich als Geschichtenerzähler. Aber nein, ich bin einfach ein menschliches Wesen. Ich bin bedeutend unbedeutend, wie ein Sandkorn an einem Strand an einem blauen Punkt mitten im Nirgendwo. Das Leben ist für mich ein Geschenk. Ich weiß, dass ich einen Lottoschein nach dem anderen zugeteilt bekommen habe. Ich versuche jeden Tag voller Dankbarkeit für dieses Glück zu leben. Wenn die Sonne untergeht, denke ich darüber nach, ob ich diesen Sonnenuntergang verdient habe. An manchen Tagen ist das nicht der Fall, und ich tue alles, um es am nächsten Tag besser zu machen.“

Das hat mich getroffen, weil diese Frage, ob man den eigenen Sonnenuntergang verdient hat, eine ist, die uns alle täglich besser machen kann. Nicht aus Schuldgefühl, sondern aus dem echten Wunsch, das Privileg des eigenen Lebens auch wirklich verdient zu haben.


Dankbarkeit üben: So geht es konkret

Ich habe mein Gehirn mittlerweile darauf trainiert, die vielen kleinen Momente bewusst wahrzunehmen und zu genießen, die mir früher im hektischen Alltag einfach unbeachtet durchgerutscht wären. Der Schluck Espresso auf meiner Terrasse am Morgen. Der erste Sonnenstrahl an einem grauen Dienstag. Das gemeinsame Lachen mit meinen Töchtern Emma und Elisabeth. Das weiche Kissen, auf dem mein Kopf beim Einschlafen ruht. Die regelmäßigen Telefonate mit meinen Eltern. Der Sand unter den Füßen bei einem Strandspaziergang. Die frischen Blumen auf unserem Küchentisch. Das sind nur ein paar Beispiele von vielen, die in mir eine riesige Welle der Dankbarkeit auslösen, wenn ich sie bewusst wahrnehme.

Konkret gibt es drei Dinge, die ich dir dazu empfehlen kann, weil sie bei mir über Jahre hinweg wirklich funktioniert haben.

Erstens: Stell dir am Morgen zwei Fragen, bevor du in den Tag startest. Was sind die drei Dinge, für die ich heute dankbar bin? Und was ist das rote Auto in meinem Leben, das ich noch nicht sehe? Die erste Frage öffnet den Fokus für das Vorhandene, die zweite für das noch Unentdeckte.

Zweitens: Nutze das Relativierungs-Ritual aus dem letzten Abschnitt, nämlich die Frage „Geht es um Leben und Tod?“, immer dann, wenn etwas dich aus der Bahn zu werfen droht. Es dauert keine drei Sekunden und entschärft neun von zehn emotionalen Eskalationen sofort.

Drittens: Schreib es auf. Nicht digital, sondern mit der Hand in einem echten Notizbuch. Das Notieren von Dankbarkeitsmomenten verstärkt deren Wirkung massiv, weil das Gehirn diesen Informationen durch die motorische Handlung des Schreibens ein anderes Gewicht gibt als einem Gedanken, der einfach so durch den Kopf huscht.

Werde ein besessener Sammler von Dankbarkeitsmomenten. Das klingt theatralisch, und das ist auch so gemeint. Denn wer aktiv Dankbarkeit übt, verändert nicht nur seine Stimmung, sondern buchstäblich seine Wahrnehmung der Realität, weil die Red Car Theory nicht aufhört zu wirken, nur weil du nicht an sie denkst.


Dankbarkeit Üben Zusammenfassung: Die wichtigsten Ideen dieses Artikels

  • Dein Fokus bestimmt deine Realität. Was du wahrnimmst, ist das Ergebnis dessen, worauf du ihn richtest. Das gilt für rote Autos genauso wie für Gründe, dankbar zu sein.
  • Dankbarkeit üben ist kein spirituelles Wellness-Ritual, sondern Alltagswerkzeug für mehr Gelassenheit, Fokus und Zufriedenheit.
  • Du kannst nicht gleichzeitig dankbar und aggressiv, frustriert oder schlecht drauf sein. Dankbarkeit ist ein Universalschlüssel.
  • Die schnellste Relativierungstechnik: Frag dich bei jedem Ärger „Geht es um Leben und Tod?“ Wenn Nein, atme durch und lass los.
  • Lionel Hampton: Dankbarkeit sind Erinnerungen, die im Herzen und nicht im Kopf gespeichert werden.
  • John Cena: Wenn die Sonne untergeht, frage dich, ob du diesen Sonnenuntergang verdient hast.
  • Werde ein besessener Sammler von Dankbarkeitsmomenten. Schreib sie auf. Ihre Wirkung verstärkt sich, sobald du sie bemerkst, benennt und festhältst.

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