Wenn du Angst vor Veränderung hast, dann bist du damit in bester Gesellschaft. Aber ich möchte dir gleich zu Beginn etwas sagen, das deine Sicht auf diese Angst für immer verändern wird. Doch dazu komme ich gleich.
Ich wollte schon immer ein Vater sein. Und nichts erfüllt mich so sehr mit Stolz, Glück und tiefer Erfüllung, wie meine beiden Töchter Emma und Elisabeth dabei zu beobachten, ihren Platz im Leben zu finden. Auch wenn ich mein Bestes gebe, ihnen Werte zu vermitteln und mit meinem täglichen Verhalten ein Vorbild zu sein, so sind sie doch beide viel größere Lehrmeisterinnen für mich als andersherum. Weil sie mich jeden einzelnen Tag aufs Neue daran erinnern, mit wie viel Leichtigkeit Veränderungen gelingen können, wenn man sie nur lässt.
Mit ansteckender Neugier probieren sie die unterschiedlichsten Dinge aus, testen ihre eigenen Grenzen und wenn sie dabei mit Misserfolgen konfrontiert werden, lamentieren sie nicht etwa, sondern probieren es direkt auf eine andere Art und Weise. Faszinierend, oder? Von Kindern würdest du niemals Sätze hören wie „Das haben wir ja noch nie so gemacht“ oder „Ich versuche es lieber nicht, es könnte ja schiefgehen.“
Stattdessen passen sie sich wie menschliche Chamäleons an jede neue Situation an, lassen sich von Fantasie und Kreativität leiten und lernen neue Sportarten, Instrumente oder sogar Sprachen innerhalb weniger Wochen.
Leider werden die meisten Kinder spätestens im Teenageralter bombardiert mit immer denselben Botschaften: „Pass dich an“, „Du musst endlich vernünftig werden“, „Schluss mit der ewigen Träumerei.“ Und ehe man sich versieht, geht die einst im Überfluss vorhandene Leichtigkeit verloren und wird von vermeintlicher Vernunft und dem krampfhaften Festhalten am Status quo ersetzt. Ich finde das tragisch. Und ich glaube, du auch.
Die vermeintliche Sicherheit, die eigentlich ein Elend ist
Warum fällt Veränderung den meisten Menschen so schwer? Die Fachliteratur ist sich weitgehend einig, dass der Grund eine Kombination aus Zweifeln, Sorgen und lähmender Angst vor dem Unbekannten ist. Superstar David Bowie hat das in einem Interview für das Forbes Magazine einmal so beschrieben: „Von der Psychotherapeutin Virginia Satir stammt das Zitat, dass die meisten Menschen die Sicherheit des Elends dem Elend der Unsicherheit vorziehen. Lassen Sie das für einen Moment sacken. Die Mehrheit der Menschheit würde lieber leiden, anstatt die Zukunft aktiv zu gestalten – eine Zukunft, die so viel schöner sein könnte als die Gegenwart.“
Ich würde wetten, dass du mindestens eine Person in deinem Umfeld kennst, die mit ihrer aktuellen Situation total unglücklich ist, aber trotzdem nichts verändert. Habe ich recht? Das Krokodilhirn hat die Kontrolle übernommen und boykottiert jeden Versuch, etwas anderes auszuprobieren. Denn wer weiß, vielleicht kommt es ja noch schlimmer. Und so arrangiert man sich mit dem Unglück in der Gegenwart, weil die Angst vor der unsicheren Zukunft einen wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren lässt.
So weit, so bekannt. Aber hier kommt der entscheidende Punkt, der alles verändert: Ist das wirklich so? Auf den zweiten Blick ergibt sich nämlich ein vollkommen anderes Bild.
Du hast nicht Angst vor dem Unbekannten
Die eigentliche Ursache für die Angst vor Veränderung ist gar nicht das Unbekannte. Vielmehr ist es das mögliche Ende des Bekannten. Der Großteil geplanter Veränderungen scheitert selten daran, dass Menschen nicht bereit wären, neue Ideen auszuprobieren. Es liegt viel eher an der Angst davor, die alten, die bewährten und die gewohnten Wege loszulassen. Daraus folgt eine große Idee, die ich dir am liebsten in leuchtender Schrift an die Wand hängen würde:
Du hast niemals Angst vor dem Unbekannten. Du hast Angst davor, dass etwas Bekanntes zu Ende geht.
Nicht das Unbekannte ist der Feind der Veränderung, sondern das Bekannte.
Das klingt auf den ersten Blick verwirrend, aber denk es einmal zu Ende. Genau aus diesem Grund haben ältere Menschen tendenziell auch größere Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen als ihre jüngeren Zeitgenossen, weil sie im Laufe der Zeit eine Unmenge an Wissen, Fähigkeiten, Erfolgen, Status und physischem Besitz angehäuft haben, zu dem sie eine so starke emotionale Verbindung aufgebaut haben, dass schon der bloße Gedanke an ein Ende eine tiefsitzende Angst auslöst.
Bei jungen Menschen ist das komplett anders. Mit Anfang 20 ein Unternehmen gründen, um die Welt reisen oder regelmäßig den Job wechseln? Da man noch nichts zu verlieren hat, stürzt man sich voller Herzblut in die verschiedensten Abenteuer. Aber wie sieht es mit 40, 50 oder vielleicht sogar 60 Jahren aus? Ab einem gewissen Punkt sieht man auf einmal nicht mehr die vielen Möglichkeiten, sondern malt sich in den buntesten Farben aus, was alles schief gehen könnte, weil man den Lebensstandard halten will, das Eigenheim noch nicht abbezahlt ist und man in vielen Bereichen von Vorne beginnen müsste.
Kommen dir diese Gedanken bekannt vor, oder?
Beachte dabei bitte: All diese Schreckensszenarien spielen sich ausschließlich mental im Kopf ab. Sie sind Konjunktiv, kein Imperativ. Trotzdem führen sie dazu, dass ein Großteil der Menschen aus Angst vor einem möglichen Ende des Bekannten so fest und krampfhaft am Status quo festhält, dass die Hände bereits anfangen zu schmerzen.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
Wie entkommen wir also diesem Dilemma? Der erste Schritt klingt einfacher, als er tatsächlich ist: die Akzeptanz, dass Dinge nun mal zu Ende gehen. Ob wir es wollen oder nicht, alles was einen Anfang hat, endet irgendwann auch. Das nennt sich Leben und gehört einfach dazu. Viel wichtiger ist, wie wir damit umgehen. Die wohl schönste Anleitung diesbezüglich stammt von Hermann Hesse, der es in seinem Gedicht Stufen so wunderschön auf den Punkt gebracht hat:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“
Finde ich nicht auch, dass in diesem Satz eine wunderbare Kombination aus mutmachender Hoffnung und beruhigender Kraft steckt? Dieser Mindset-Shift alleine kann schon wundersame Dinge auslösen, denn er wirkt wie ein Mutterboden für die zarte Pflanze namens Veränderung. Und diese wächst am besten, wenn wir aufhören, auf der bequemen Couch sitzend darauf zu hoffen, dass sich unsere Situation schon irgendwie verbessern wird, und stattdessen beginnen, uns aktiv in das Unbekannte zu verlieben.
Stell dir vor, was passiert wäre, wenn Menschen wie Marco Polo, Roald Amundsen oder Christoph Kolumbus nicht ihrem Entdeckergeist gefolgt wären, sondern im sicheren Hafen gewartet hätten, bis jemand ihnen eine Garantie gegeben hätte, dass sie ihre Ziele auf jeden Fall erreichen würden. Sie wären niemals in China, am Südpol oder in Amerika angekommen. Das gleiche gilt für die Erfindung der Glühbirne, des Buchdrucks oder des iPhones, die allesamt die Welt verändert haben, weil Thomas Edison, Johannes Gutenberg und Steve Jobs die Sehnsucht nach Innovation und dem permanenten Hinterfragen bestehender Konventionen teilten, und sich nicht damit zufriedengaben, was schon da war.
Die Höhle und die Hacke
Jetzt kommt meine Lieblingstechnik, um konkret mit der Angst vor Veränderung umzugehen, und sie stammt von einer der faszinierendsten Sportlerinnen der Welt. Courtney Dauwalter ist Ultramarathonläuferin und Rekordhalterin des Moab 240 in Utah, einem Rennen, das über 386 Kilometer durch die steilen Trails der Rocky Mountains führt, bei dem die Temperaturen zwischen 36 Grad am Tag und minus 10 Grad in der Nacht schwanken können.
Als Dauwalter das Rennen im Jahr 2017 gewann, sah es von außen aus wie ein lockerer Dauerlauf, den sie fast mühelos absolvierte. Nicht nur gewann sie mit zehn Stunden Vorsprung, sondern brach auch noch den Streckenrekord. Ihr Geheimnis? Eine kleine, aber entscheidende Mentaltechnik.
Wann immer es während eines Rennens richtig hart wird, wenn ihr ganzer Körper ihr im Sekundentakt zuruft „Wenn du jetzt aufgibst, ist alles sofort vorbei!“, visualisiert sie sich in einer Höhle, in der sie mit Helm und Spitzhacke versucht, die steinigen Wände zu durchbrechen. Diese symbolisieren in ihrer Vorstellung die Schmerzen, die Zweifel und den unbändigen Drang aufzugeben. Zentimeter für Zentimeter attackiert sie diese negativen Gedanken mit der imaginären Hacke und erschafft sich auf diese Weise Platz für Wachstum. Durch eine einfache mentale Übung wird etwas, was die meisten Menschen mit aller Macht zu verhindern versuchen, zu einer einmaligen Gelegenheit, die eigenen Grenzen zu überwinden.
Dass hinter dieser Technik mehr als nur Sportpsychologie steckt, belegt eine Studie von Woolley und Fishbach am renommierten Chicagoer Comedy Club Second City. Eine Gruppe von Improvisationsschülerinnen wurde instruiert, jegliche Form von Unsicherheit, Zweifel oder Unbehagen als Zeichen von Fortschritt zu interpretieren, wodurch sie 44 Prozent länger durchhielten als die Kontrollgruppe, und von externen Beobachtern als mutigere und risikofreudigere Entscheiderinnen wahrgenommen wurden. Das bewusste Re-Framing von Unsicherheit in persönliches Wachstum ist eine der kraftvollsten mentalen Techniken, die wir haben, weil man sich auf diese Weise des Glaubenssatzes entledigt, dass Unsicherheit ein Signal zum Aufgeben sei, und gleichzeitig die Überzeugung aufbaut, dass es das perfekte Signal ist, um weiterzumachen.
Verlieb dich in das Unbekannte
Jeden einzelnen Tag betrittst du unzählige Male deine ganz persönlichen Mini-Höhlen. In einem schwierigen Konflikt, während eines wichtigen Projekts, bei einer anstehenden Entscheidung. Und genau an diesen vermeintlich dunklen Orten schlummern deine entscheidendsten Fähigkeiten und kraftvollsten Ressourcen, also all das, was du benötigst, um als Mensch zu wachsen. Sobald du es schaffst, diese Alltagshöhlen nicht länger als etwas Negatives zu betrachten, sondern als großartige Möglichkeit deine Grenzen zu sprengen, dann geschehen die wundervollsten Dinge: Die Angst zu besiegen führt zu Mut, sich harten Konflikten zu stellen führt zu Vertrauen, und der Schmerz von Niederlagen führt zu Weisheit, weil die Veränderungen, vor denen du am meisten Angst hast, immer diejenigen sind, die die größten Durchbrüche für dich bringen.
Ich weiß, dass es sich dabei um eine einfache, aber nicht leichte Idee handelt. Und ich möchte dich zu nichts überreden, wofür du nicht bereit bist. Aber wenn du so ehrlich mit dir sein kannst wie Emma und Elisabeth es mit mir sind, dann weißt du tief im Inneren, dass es diese Sehnsucht nach Neuem in dir gibt. Diese leise, aber hartnäckige Stimme, die dir sagt, dass da draußen mehr auf dich wartet, wenn du nur den ersten Schritt wagst.
Du musst nicht garantiert wissen, was am Ende herauskommt. Du musst nur bereit sein, loszugehen.
Deine Lebensqualität hängt nämlich von dem Ausmaß an Wachstum ab, mit dem du dauerhaft komfortabel leben kannst. Und das Schöne daran ist: Wenn du aufhörst, das Ende des Bekannten zu fürchten, und anfängst, dich in die Möglichkeiten des Unbekannten zu verlieben, dann beginnt sich fast wie von selbst alles zu verändern. Deine Komfortzone wächst, deine Angstzone schrumpft, und die Dinge, die dich früher mit zitternden Knien erfüllt hätten, werden zu perfekten Gelegenheiten, als Mensch zu wachsen.
Keine Angst vor Veränderung: Die wichtigsten Ideen dieses Artikels
- Kinder haben keine Angst vor Veränderung, weil sie noch nichts zu verlieren haben. Mit zunehmendem Alter wächst nicht die Angst vor dem Unbekannten, sondern die Angst vor dem Ende des Bekannten.
- Du hast niemals Angst vor dem Unbekannten. Du hast Angst davor, dass etwas Bekanntes zu Ende geht.
- Nicht das Unbekannte ist der Feind der Veränderung, sondern das Bekannte.
- David Bowie nach Virginia Satir: Die meisten Menschen ziehen die Sicherheit des Elends dem Elend der Unsicherheit vor.
- Hermann Hesse: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
- Re-Framing als Superkraft: Wer Unsicherheit als Zeichen von Fortschritt begreift, hält 44 Prozent länger durch.
- Die Veränderungen, vor denen du am meisten Angst hast, sind diejenigen, die die größten Durchbrüche für dich bringen.