Prokrastination überwinden. Dies ist ein Thema, das erstaunlich viele Menschen betrifft. Und ich möchte Dir in diesem Artikel gerne ein paar konkrete Tipps geben, wie Du ab sofort eine ausgeprägte Umsetzungskompetenz aufbauen kannst. Doch zuvor möchte ich gerne einen besonderen Moment mit Dir teilen.
Es ist ein wunderschöner Sommertag im Juni. Auf meinen Kopfhörern läuft Rocket Man von Elton John, ich sitze an der Panke, einem kleinen Fluss im Norden von Berlin, und genieße den Tag. Nicht eine Wolke steht am Himmel, und das Thermometer ist bereits um elf Uhr morgens auf 25 Grad geklettert. Nachdem ich die letzte Zeit fast durchgehend für Vorträge auf Reisen war, nutze ich den ersten freien Tag seit Wochen, um meine Seele ein wenig baumeln zu lassen.
Und während ich die vergangenen Erlebnisse an meinem geistigen Auge vorüberziehen lasse, bleibt mein Blick auf einem Stück Holz kleben, das mit der Strömung auf dem Wasser treibt. Die Beobachtung fasziniert mich. Jede Bewegung ist mehr oder weniger zufällig und der Kurs wird von den äußeren Gegebenheiten bestimmt. So manches Mal bleibt das Holzstück an einem Stein oder einer Pflanze hängen, bis es dann irgendwann mit einer schnelleren Stromschnelle aus meinem Blickfeld verschwindet.
Und ich weiß nicht mehr genau, woran es lag, aber in diesem Moment musste ich daran denken, wie viele Menschen ein Leben nach genau diesem Muster führen, weil man mehr oder weniger zufällig dahintreibt, ohne dass man ein klares Ziel oder eine konkrete Aufgabe hätte, weil man lieber abwartet und sich anpasst, anstatt die eigene Zukunft aktiv zu gestalten, und weil man sich irgendwann mit der Unzufriedenheit arrangiert, die zwangsläufig entsteht, wenn man den Stillstand lieber verwaltet, als das Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Und wenn du mich fragst, was Prokrastination überwinden wirklich bedeutet, dann fängt die Antwort genau hier an, an der Panke, mit einem Stück Holz, das keine Wahl trifft.
Keiner. Es war ja niemand da.
Ich möchte dir ein typisches Beispiel geben. Vor einigen Jahren leitete ich einen Workshop mit Managern der mittleren Führungsebene, die für die Niederlassung eines großen Konzerns mit Umsätzen in zweistelliger Millionenhöhe verantwortlich waren.
Der Leiter dieser Abteilung war ein paar Jahre zuvor gestorben, und seitdem herrschte dort ein Zustand, den ich nur als organisierten Stillstand beschreiben kann, denn Projekte blieben liegen, wichtige Kunden gingen verloren und es herrschte insgesamt eine Atmosphäre der Unsicherheit, die sich wie eine dicke Schicht Mehltau über alles gelegt hatte. Als ich die Gruppe fragte, wer denn in den vergangenen Monaten für die notwendigen Entscheidungen zuständig gewesen sei, bekam ich von einem der anwesenden Manager eine Antwort, die mich noch Wochen später beschäftigt hat: „Na, keiner. Es war ja niemand da, der es hätte entscheiden können.“
Keiner. In einem Unternehmen mit zweistelligen Millionenumsätzen, besetzt mit erfahrenen Führungskräften, die alle genau wussten, was zu tun war, und trotzdem hielten alle die Luft an und warteten darauf, dass irgendwann jemand kommen würde, der die Erlaubnis zum Handeln austeilt. Kommt dir das bekannt vor, oder?
Wie ist das bei dir, habe ich recht? Wie häufig warst du schon in Situationen, in denen du gedacht hast: „Da müsste jetzt dringend jemand etwas machen“? Ich kenne dieses Verhalten aus meiner eigenen Vergangenheit nur zu gut, denn auch ich war ein echter Experte darin, die Verantwortung abzugeben und darauf zu hoffen, dass andere schon die richtigen Entscheidungen für mich treffen werden.
Die Nacht mit der Alarmanlage
Auch wenn ich gerne darauf verzichtet hätte, kenne ich dieses Gefühl nur allzu gut. In unserer Berliner Siedlung wurde vor einigen Jahren bei zwei Familien eingebrochen, woraufhin meine Frau sagte: „Wir brauchen unbedingt eine Alarmanlage.“ Ich antwortete: „Nein, wenn jemand einbrechen will, dann lässt er sich auch nicht von einer Alarmanlage aufhalten.“ Sie sagte: „Doch, wir brauchen eine.“ Ich: „Nein, wir brauchen keine.“ Sie: „Doch.“ Ich: „Nein.“ Du kennst dieses partnerschaftliche Pingpong-Spiel, oder? Und es wäre wahrscheinlich noch ewig so weitergegangen, wenn ich nicht das große Geheimnis einer guten Beziehung kennen würde. Der Mann muss immer die letzten beiden Worte einer Diskussion haben: „Ja, Schatz.“ Also wurde zwei Wochen später die Alarmanlage installiert.
Der Techniker fragte nach der Installation, ob er mir erklären solle, wie die Bedienung funktioniert. Nun gibt es ja die vier klassischen Veränderungsphasen: Verdrängung, Widerstand, Akzeptanz, Commitment. Und ich befand mich gerade mitten in Phase zwei. Heftiger Widerstand. Deshalb sagte ich: „Nein, nicht nötig.“ Denn erstens wollte ich die Anlage ja gar nicht haben, und zweitens kann das ja so schwer nicht sein, oder?
Ein paar Tage später löste ich mit meinem neuen Chip gleich mehrfach Fehlalarm aus, und jedes Mal musste meine Frau die Anlage entschärfen. Sichtlich genervt sagte sie schließlich: „Hör zu, Ilja, langsam werde ich sauer. Dabei ist es ganz einfach. Bei Rot ist die Anlage scharf. Bei Grün ist sie aus. Und wenn der Alarm angehen sollte, musst du zum Deaktivieren nur deine PIN-Nummer eingeben. Hast du sie dir gemerkt?“ Natürlich hatte ich das nicht. Trotzdem sagte ich: „Ja, Schatz.“
Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Schicksal war, aber ein paar Tage später fuhr meine Frau mit den Kindern übers Wochenende zum Geburtstag ihres Vaters. Nachts um vier Uhr weckte mich ein verdächtiges Piepen. Weil es im ganzen Haus stockduster war, drückte ich den Lichtschalter im Treppenhaus. Nichts. Im ganzen Haus funktionierte nicht ein einziger Lichtschalter, weil der Strom ausgefallen war. Langsam wurde mir richtig mulmig zumute. Mit der Taschenlampen-App meines iPhones tastete ich mich zur Steuereinheit vor, drückte hektisch irgendwelche Knöpfe, und drei Sekunden später löste ich über den Bewegungsmelder den vollen Alarm aus. Ohrenbetäubend laut. Auf dem Display stand in großen leuchtenden Buchstaben: „Bitte geben Sie Ihre PIN-Nummer ein.“
Ich wusste die PIN-Nummer nicht. Ich probierte sämtliche Varianten durch. Nichts. Der Alarm hörte einfach nicht auf. Obwohl es mir oberpeinlich war, rief ich nachts um halb fünf auf dem Festnetz meiner Schwiegereltern an. Und eine Minute und eine ordentliche Gardinenpredigt später wusste ich die vier Zahlen wieder. Ich gab sie ein, und plötzlich war alles still. Heute kann ich über die Geschichte lachen, aber in dem Moment habe ich etwas sehr Wichtiges begriffen: Wenn du dich nicht aktiv veränderst, wirst du irgendwann verändert. Ob du willst oder nicht.
Du kannst die Welle nicht verhindern
Ich habe einen Sommer meines Lebens in Huntington Beach südlich von Los Angeles verbracht, einer Stadt, die vor allem für zwei Dinge bekannt ist: Jürgen Klinsmann wohnt dort, und der Strand gilt als das Surf-Mekka der gesamten Westküste. Und die Surfer dort haben einen Wahlspruch, den ich seitdem nicht mehr vergessen habe: Du kannst die Welle nicht verhindern. Aber du kannst lernen, sie zu reiten.
Genau das ist das Mindset, von der ich spreche. Denn es gibt Dinge in deinem Leben, die du wirklich nicht beeinflussen kannst: wie sich die Wirtschaft entwickelt, was die Konkurrenz entscheidet, ob der Markt gerade bereit ist für das, was du vorhast, wie sich dein Chef verhält oder welche externen Umstände gerade dazwischenkommen. Das alles existiert unabhängig von dir, und keine noch so intensive Vorbereitung ändert das.
Doch es gibt eine Menge Dinge, die du jederzeit beeinflussen kannst, ganz unabhängig davon, welchen Titel du trägst, wie viel Geld auf deinem Konto liegt oder ob dein Vorgesetzter gerade zustimmt, nämlich mit welcher Einstellung du in den Tag gehst, ob du heute den ersten Schritt in Richtung des Projekts machst, auf das du schon monatelang „noch“ wartest, und ob du deine Energie ins Analysieren von Risiken steckst oder ins Anfangen. Und je mehr du dich auf diese Dinge konzentrierst, desto weniger Raum bleibt für das Treiben.
Prokrastination überwinden: Das Muster, das sich selbst verstärkt
Das Tückische an der Prokrastination (und ich spreche da aus langer eigener Erfahrung) ist, dass sie sich mit der Zeit normalisiert. Je länger man wartet, desto natürlicher fühlt sich das Warten an. Man gewöhnt sich daran. Man baut Rechtfertigungen darum herum, die mit jedem Monat überzeugender klingen, weil der Geist sehr gut darin ist, die eigene Passivität mit intelligenten Argumenten auszustatten.
Noch ist der Markt nicht reif, noch fehlt das richtige Netzwerk, noch fehlt eine solidere Grundlage, und ich muss erst noch mehr lesen, mehr lernen, mehr nachdenken, bevor ich wirklich bereit bin. Das klingt alles nach Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein, und es ist das Heimtückischste an dieser ganzen Sache, denn es ist in Wirklichkeit Prokrastination, die sich als Strategie verkleidet hat.
Ich habe in meiner eigenen Karriere zu lange auf die Erlaubnis meiner Vorgesetzten gewartet, auf die Genehmigung meiner Umgebung, auf den Moment, in dem sich alles richtig und stimmig anfühlen würde. Und je länger ich gewartet habe, desto lauter wurde das nagende Gefühl, dass da draußen ein Leben auf mich wartet, das ich mir nicht erlaube zu leben, weil der Zeitpunkt noch nicht stimmt.
Der einzige Moment, der jemals wirklich zur Verfügung steht, ist immer genau dieser hier, weil es den perfekten Zeitpunkt schlicht nicht gibt.
Wer sich nicht verändert, der wird verändert
Wenn ich in meinen Vorträgen auf die Führungskräfte blicke, die mir in echten Krisen begegnet sind, fällt mir immer wieder dasselbe Muster auf: Sie haben zu lange gewartet, bis der Druck von außen so groß war, dass keine Wahl mehr blieb, während die, die mutig vorangegangen und dabei auch mal gescheitert sind, schon längst an einem ganz anderen Punkt angekommen waren. Und wer zu lange wartet, der erlebt irgendwann, dass er Prokrastination überwinden muss, während der Alarm längst läuft, wie ich aus eigener nächtlicher Erfahrung weiß.
Du hast gerade noch die Wahl. Und das ist das eigentliche Geschenk des heutigen Tages, weil es den idealen Zeitpunkt zum Handeln nicht gibt, weil es immer eine Ausrede geben wird, weil das Gehirn immer einen plausiblen Grund liefern wird, warum jetzt gerade nicht der richtige Moment ist. Die Frage ist nur, ob du dir das auch weiterhin glauben willst.
Woran erkennst du, worauf du eigentlich wartest?
Daher Hand aufs Herz: Worauf wartest du eigentlich genau?
Schreib es auf. Wirklich. Und schreib dabei die konkrete Bedingung auf, also wirklich präzise: was genau eingetreten sein muss, bevor du anfangen „kannst“. In sehr vielen Fällen wirst du beim Aufschreiben merken, dass die Bedingung entweder nie eintreten wird oder gar nicht so entscheidend ist, wie sie sich angefühlt hat, solange sie als vager Gedanke in deinem Kopf herumschwebte.
Und dann stell dir vor, du würdest heute mit zehn Prozent des Aufwands anfangen, den du für „später“ geplant hast, weil das Gehirn sich von dem großen Schritt erschlagen fühlt, während das erste Kapitel, die erste E-Mail, das erste Gespräch das Momentum in Gang setzen, das sich dann seinen eigenen Antrieb schafft.
Das Holzstück auf der Panke wartet darauf, dass die Strömung es weitertreibt. Du musst das nicht.
Prokrastination überwinden: Die wichtigsten Ideen dieses Artikels
- Prokrastination ist das Treiben auf der Strömung, das Warten auf äußere Kräfte, während das eigene Leben an einem vorbeiläuft.
- Der richtige Moment kommt nie. Der einzige Moment, der wirklich zur Verfügung steht, ist immer dieser hier.
- Je länger man wartet, desto natürlicher fühlt sich das Warten an, weil das Gehirn sehr gut darin ist, die eigene Passivität mit intelligenten Argumenten auszustatten.
- Du kannst die Welle nicht verhindern. Aber du kannst lernen, sie zu reiten.
- Wenn du dich nicht aktiv veränderst, wirst du irgendwann verändert. Wer dann handelt, handelt unter Druck.
- Die wichtigste Frage: Worauf wartest du eigentlich genau? Schreib die konkrete Bedingung auf, und du wirst sehen, wie viel Kraft sie verliert.