Wenn du langfristig neue Gewohnheiten aufbauen und Ziele wirklich erreichen willst, dann braucht es dafür weder eine komplizierte Methode, noch eine starke Willenskraft. Es braucht drei Dinge, und zwar genau diese drei: eine unumstößliche Entscheidung, eine motivierende Richtung und konsistente Gewohnheiten. Mehr ist es unter dem Strich nicht. Lass mich erklären, warum diese drei Elemente zusammen so unschlagbar mächtig sind, und warum das Fehlen auch nur eines einzigen davon jede Transformation früher oder später zum Scheitern bringt.
Die Inspiration für dieses Modell habe ich übrigens einem mittelalterlichen Kirchenbau zu verdanken, nämlich der Kathedrale von Salisbury. Als ich siebzehn Jahre alt war, verbrachte ich im Rahmen einer Schulstudienfahrt eine Woche bei einer Gastfamilie in der kleinen Stadt, und obwohl ich als Teenager in der Blüte meiner Rebellenzeit nach außen hin natürlich so tat, als ob mich die Beschäftigung mit Kultur und Geschichte extrem langweilte, lag es insbesondere an den vielen Insiderinformationen unseres Guides Nigel, dass meine Faszination für die gigantische Kirche zwar heimlich, aber stetig wuchs.
Dies führte so weit, dass ich nach meiner Rückkehr Ken Folletts Roman Die Säulen der Erde geradezu verschlang, in dem die Kathedrale von Salisbury als historisches Vorbild für eine fiktive Geschichte dient, die sich um den Bau der größten Kirche der Welt dreht, und der mir neben einer spannenden Handlung eine Menge Aha-Erlebnisse in Bezug auf Veränderung beschert hat.
Du kannst dir das Modell wie einen dreibeinigen Hocker vorstellen. Sind alle drei Beine gleich lang und stabil montiert, dann hält er selbst hohen Belastungen stand. Doch sobald nur eines der Beine etwas kürzer ist, fängt er an zu kippeln. Und fehlt ein Bein ganz, dann ist der komplette Hocker auf einmal unbenutzbar. Lass uns also die drei Säulen genauer anschauen.
Gewohnheiten aufbauen – Säule 1: Eine unumstößliche Entscheidung
Wie lange dauert eigentlich eine Veränderung? Wenn ich diese Frage in meinen Vorträgen und Seminaren stelle, dann erhalte ich häufig Antworten wie „mindestens drei Monate“, „ein bis zwei Jahre“ oder „das kann man nicht messen, auf jeden Fall lange“. Und auch wenn in allen drei Aussagen die richtige Erkenntnis steckt, dass Transformationsvorhaben immer ein Marathon und niemals ein Sprint sind, so sind sie doch alle falsch. Laut neurowissenschaftlichen Studien lautet die korrekte Antwort nämlich 2,7 Sekunden, denn dies ist die Zeitspanne, die dein Gehirn benötigt, um eine Zeiteinheit als Augenblick verarbeiten zu können. Und genauso lange dauert es, um eine echte Entscheidung für eine Veränderung zu treffen.
Und damit meine ich nicht die weitverbreiteten Wischi-Waschi-Ankündigungen wie „man müsste“, „man sollte“, „man könnte“ oder „unter Umständen wäre nach den Ferien eventuell mal die Gelegenheit günstig, darüber nachzudenken, ob es nicht sinnvoll sein könnte, wenn man theoretisch abwägen würde, ob man eine Veränderung angehen sollte“. Nein, eine unumstößliche Entscheidung beinhaltet immer ein Versprechen dir selbst gegenüber, dass du dein Vorhaben auf jeden Fall durchziehst, egal welche Hürden auf dem Weg auf dich warten mögen. Dahinter steht eine so einfache wie wichtige Tatsache: Wenn du etwas wirklich willst, dann wirst du es auch schaffen, weil du bereit bist, den Preis zu zahlen, Fehler zu machen und weiterzugehen, wenn der Wind dir so richtig heftig von vorn ins Gesicht bläst.
Gewohnheiten aufbauen – Säule 2: Eine motivierende Richtung
Die zweite Säule fällt oftmals unter die Kategorie Angst vor dem Offensichtlichen, denn unglaublich viele Veränderungen scheitern, weil man zwar ganz genau weiß, was man alles nicht mehr möchte, aber von der Wunschzukunft keine konkrete Vorstellung hat. Und so wurschtelt man vor sich hin und wundert sich irgendwann, dass man sich zwar verändert hat, aber dann irgendwo angekommen ist, wo man überhaupt nicht hinwollte.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, woran das in der Regel liegt: Viel zu viele Menschen verkomplizieren das Thema Ziele so sehr, dass sie sich dadurch selbst riesige Wackersteine in den Weg legen, indem sie bis in alle Ewigkeit an irgendwelchen Ziele-Formeln herumfeilen, damit aber nie fertig werden, weil irgendeine Formulierung noch nicht ganz rund ist. Sie verwerfen eine bestimmte Zieldefinition, fangen manchmal sogar komplett von vorn an, und das alles nur, um nicht mit der Umsetzung beginnen zu müssen.
Falls du auch zu dieser Kategorie von Ziele-Perfektionisten gehören solltest, dann möchte ich dir die wohl beste, kürzeste und wirkungsvollste Coaching-Intervention vorstellen, die ich kenne. Sie besteht aus zwei Wörtern und stammt aus einem Sketch des Comedians Bob Newhart. Sie lautet: Stop it! Hör auf damit, lass es sein und mach es nicht komplizierter, als es sein muss. Wenn du unbedingt mit einer Ziele-Formel arbeiten willst, dann nutze gerne mein S.E.K.S.I.-Akronym, das dafür steht, dass wohlformulierte Ziele (S)pezifisch, (E)motional, (K)onkret, (S)elbstständig erreichbar und eine (I)nitiative auslösend sein sollten. Aber selbst wenn du noch nicht so weit bist und erst eine grobe Richtung hast, ist das auch vollkommen okay, denn es gilt folgender Grundsatz:
Arbeite mit dem, was du hast. Eine motivierende Richtung ist völlig ausreichend, weil dein Ziel und deine Vision auf dem Weg von ganz alleine klarer werden.
Vergiss nie, wozu Ziele da sind: Sie sollen dich motivieren, ins Machen zu kommen, und dich dorthin führen, wo du gerne hin möchtest. Mehr ist es nicht. Und sobald du loslegst, wird nicht nur deine Klarheit mit jedem Schritt zunehmen, sondern auch deine Motivation wird im Laufe der Zeit immer intensiver werden.
Gewohnheiten aufbauen – Säule 3: Konsistente Gewohnheiten aufbauen
Gewohnheiten sind wie Schienen. Es ist hart und dauert lange, um sie zu verlegen. Aber wenn sie erst einmal da sind, führen sie dich zuverlässig und sicher zu deinem Ziel. Ich liebe diese Analogie, denn sie beschreibt die mächtige Kraft dieser besonderen Kombination aus Konsistenz, Ausdauer und Durchhaltevermögen, die am Ende den Unterschied macht zwischen dem, der redet, und dem, der tatsächlich ankommt.
So viele Bücher glorifizieren die Wichtigkeit einer ausgeprägten Motivation, dabei sind es die nachhaltigen Gewohnheiten, die wirklich einen Unterschied machen. Denn wie häufig fühlst du dich so richtig danach, an einem Projekt zu arbeiten, zum Sport zu gehen oder eine Veränderung umzusetzen? Praktisch nie, oder? Aber dank entsprechender Gewohnheiten tust du es trotzdem. Und die Motivation entsteht beim Umsetzen von ganz alleine, wenn du dauerhaft dranbleibst. Denn bei jeder nur denkbaren Veränderung gilt:
Konsistenz schlägt Motivation. Immer.
Wie schaffst du es, das Buch zu schreiben, von dem du schon so lange träumst? Bestimmt nicht, indem du darauf wartest, dass dich endlich die Muse küsst. Du gehst nach Hause, setzt dich an deinen Computer und schreibst den ersten Satz. Aus dem wird ein Absatz, dann eine Seite und später das erste fertige Kapitel. Und wenn du dies über mehrere Monate jeden einzelnen Tag wiederholst, dann ist am Ende dein Buch fertig geschrieben. Wie schaffst du es, einen Marathon zu laufen, wenn du noch komplett unfit bist? Der Prozess ist der gleiche: Du ziehst dir deine Laufschuhe an, gehst raus und joggst für fünf Minuten, dann für zehn, fünfzehn und dreißig, irgendwann schaffst du es fünf Kilometer zu laufen, nach ein paar Monaten sogar zwanzig, und wenn du konsistent trainierst und kontinuierlich besser wirst, dann meisterst du irgendwann auch deinen ersten Marathon.
Nachhaltige Ergebnisse brauchen ganz einfach Zeit. Der Bau der Kathedrale von Salisbury hat ganze 38 Jahre gedauert, und die Fertigstellung des Kölner Doms sogar 600 Jahre. Aber auch hier begann man mit dem ersten Stein und hörte erst auf, als der letzte Arbeitsschritt getan war. Dank James Clear wissen wir heute, dass es im Schnitt 66 Tage dauert, um eine neue Gewohnheit zu etablieren. Aber wenn du so lange dranbleibst, passiert etwas Faszinierendes: Es wird auf einmal leichter, das neue Verhalten anzuwenden, ohne dass sich die alte Gewohnheit mit aller Macht in den Vordergrund drängen will, wodurch viele kleine Erfolgserlebnisse entstehen, deine Motivation steigt und du deinem großen Ziel jeden Tag ein Stückchen näher kommst.
Bei allen Veränderungen in deinem Leben stellt sich nicht die Frage, ob es schwer wird, sondern ob du bereit bist, durchzuhalten.
Der wichtigste Schritt ist immer der nächste
Welcher Schritt ist beim Verfolgen deiner Ziele und Träume der wichtigste? Ich könnte wetten, dass du dir darauf die gleiche Antwort gegeben hast wie die meisten: „Na, der erste Schritt natürlich.“ Doch ich behaupte, dass der erste Schritt zwar enorm wichtig ist, es aber noch einen viel wichtigeren gibt.
In Brandon Sanderson’s Fantasy-Roman Oathbringer kämpft die Hauptfigur Dalinar Kolin den Kampf seines Lebens. Ganz alleine steht er dem Bösen gegenüber, blutend und am Ende seiner Kräfte liegt er geschlagen am Boden und ist ganz kurz davor, endgültig aufzugeben. Doch als er in seinem Delirium in eine Art Zwischenwelt abdriftet, kommt ihm endlich die Antwort auf eine Frage, die ihn schon lange begleitet hatte: Was ist der wichtigste Schritt im Leben? Und die Antwort lautet: „Es ist nicht der erste. Es ist der nächste. Es ist immer der nächste Schritt, Dalinar.“ Worauf der Krieger all seine Kräfte bündelt, einen tiefen Atemzug nimmt und weiterkämpft.
Egal, wie weit du schon gekommen bist, ob du dich noch auf der Startlinie befindest oder bereits viele Kilometer auf dem Buckel hast: Der nächste Schritt ist immer der wichtigste, weil du auf diese Weise niemals aufgibst, sondern immer in Bewegung bleibst. Und genau das wünsche ich mir für deinen Weg.