Dunning-Kruger-Effekt: Warum du schlechte Ratschläge von den falschen Menschen bekommst

Stell dir vor, wir unternehmen gemeinsam einen Waldspaziergang, genießen die beeindruckende Natur und führen ein tiefes Gespräch über Freiheit, Sinnhaftigkeit und das Leben an sich. Ich weiß nicht, wie es in deinem persönlichen und beruflichen Umfeld ist, aber ist dir auch schon einmal aufgefallen, dass es so gut wie immer die Menschen mit der geringsten Erfahrung, dem geringsten Wissen und dem geringsten Können sind, die dir voller Inbrunst erklären wollen, warum das, was du vorhast, auf gar keinen Fall funktionieren wird?

Ich spreche von den Zeitgenossen, die immer sofort wissen, was alles nicht geht, für jedes nur denkbare Problem sofort einen passenden Schuldigen benennen können, aber natürlich niemals selbst bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Was umgangssprachlich gerne als viel Meinung, dafür wenig Ahnung bezeichnet wird, hat tatsächlich einen wissenschaftlichen Hintergrund, und dieser ist auf eine tragische Art und Weise auch ein wenig komisch. Er nennt sich Dunning-Kruger-Effekt, und er betrifft uns alle.


Der dümmste Bankräuber aller Zeiten

Im Jahr 1995 raubte in der amerikanischen Stadt Pittsburgh ein Mann namens McArthur Wheeler eine Bank aus. Das Kuriose dabei: Er verzichtete auf die übliche Strumpfmaske und lächelte während seines Coups sogar voller Selbstbewusstsein in die Überwachungskamera.

Doch damit nicht genug, denn später am Tag versuchte er sein Glück direkt ein weiteres Mal bei einer anderen Bankfiliale. Da seine Beschreibung mittlerweile der Polizei vorlag, wurde er auf frischer Tat ertappt. Als der Täter in Handschellen abgeführt wurde und man ihm die Aufnahmen der Überwachungskameras vorspielte, brummelte er gleichsam verwirrt und schockiert immer wieder denselben Satz vor sich hin: „But I wore the Juice?!“

Ich habe doch den Saft aufgetragen. Was er damit meinte: Er war der festen Überzeugung, dass es sich um einen großen Irrtum handeln müsste, da er sich schließlich sein Gesicht großzügig mit Zitronensaft eingerieben hatte. Da diese Substanz in diversen Ganovenfilmen immer wieder als unsichtbare Tinte verwendet wurde, ging McArthur Wheeler wie selbstverständlich davon aus, dass es sich um eine todsichere Methode handeln würde, um auch sein Gesicht unsichtbar zu machen.

Tja, so kann man sich täuschen, und seine Fehleinschätzung handelte ihm viele Jahre hinter schwedischen Gardinen ein.


Der blinde Fleck der eigenen Inkompetenz

Die öffentliche Berichterstattung führte dazu, dass die beiden Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger sich näher mit der menschlichen Tendenz zur Selbstüberschätzung beschäftigten und dabei zu faszinierenden Ergebnissen kamen.

So führten sie eine Studie unter Autofahrern durch, in der 80 Prozent der Teilnehmenden angaben, ihren Fahrstil als überdurchschnittlich gut einzuschätzen, und in einer ähnlichen Befragung unter Hochschulprofessoren gaben sogar 94 Prozent an, ihre eigenen Fähigkeiten besser als die ihrer Kollegen zu beurteilen. Man stellt schnell fest, dass da rein mathematisch etwas nicht stimmen kann.

Die Erkenntnisse ihrer weiterführenden Forschungen fassten Dunning und Kruger im Jahr 1999 an der Cornell University zusammen, und der nach ihnen benannte Effekt besagt Folgendes:

Menschen mit geringen Fähigkeiten und wenig Wissen in einem bestimmten Bereich neigen dazu, ihre eigenen Kompetenzen zu überschätzen, während sie gleichzeitig die Leistungen kompetenter Menschen massiv unterschätzen.

Dies liegt vor allem an zwei Gründen: Zum einen erkennen Personen mit geringer Kompetenz nicht das Ausmaß ihrer Inkompetenz, da ihnen das nötige Wissen fehlt, um ihre eigenen Mängel wahrzunehmen.

Und gleichzeitig neigen Personen mit hoher Kompetenz oftmals dazu, ihre eigene Expertise zu unterschätzen, da sie fälschlicherweise annehmen, dass Aufgaben, die für sie einfach sind, auch für andere einfach sein sollten. Und wäre das nicht schon schlimm genug, laufen diese Prozesse auch noch automatisiert im unbewussten Mind ab, sodass die betroffenen Menschen es nicht einmal mitbekommen.

Die Auswirkungen kannst du im Alltag so gut wie überall beobachten:

  • Zu jeder Fußballweltmeisterschaft mutieren 80 Millionen normale Menschen über Nacht zu Hobbybundestrainern, die alles besser wissen und jede Entscheidung garantiert anders treffen würden als das professionelle Trainerteam.
  • Viele Männer sind zutiefst davon überzeugt, grandiose Autofahrer zu sein, während Frauen ein großes Risiko im Straßenverkehr darstellen würden. Laut Statistischem Bundesamt werden die meisten Unfälle prozentual allerdings von Männern verursacht.
  • Das Internet ist voller selbsternannter Virologen, Klimaforscher, Wirtschaftsexperten, Mediziner und Juristen, die sich ein wenig mit einem Thema auseinandergesetzt haben und den wirklichen Experten voller Inbrunst erklären, warum diese trotz jahrzehntelanger Erfahrung leider überhaupt keine Ahnung haben.
  • Wohl jeder kennt dieses eine Familienmitglied, das zu jedem Thema eine Meinung hat, sich immer gut auskennt und grundsätzlich alles besser weiß.

Immer dann, wenn jemand zu einem komplexen Thema voller Überzeugung eine einfache Antwort parat hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du gerade den Dunning-Kruger-Effekt im Alltag beobachtest, denn er führt in der Regel zu einer sich selbst verstärkenden Spirale der Inkompetenz, weil man umso weniger bereit ist zu reflektieren und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, je mehr man von den eigenen Fähigkeiten überzeugt ist.


Jeder will Veränderung, aber niemand will sich selbst verändern

In meinen Vorträgen führe ich regelmäßig eine Umfrage durch, wer alles einen veränderungsresistenten Menschen kennt, und hier liegt die Antwortquote in der Regel bei 99 Prozent. Wenn ich im nächsten Schritt jedoch frage, wer sich selbst als veränderungsresistent einschätzen würde, dann liegt diese nur bei knapp zwei Prozent.

Noch Fragen? Jeder kennt jemanden, der sich gerne mit aller Macht an der Vergangenheit festklammert, aber niemand will selbst zu dieser Kategorie gehören. Und aus genau diesem Grund ist der Umgang mit Transformationsvorhaben in Organisationen auch so herausfordernd:

Jeder will Veränderung, aber niemand will sich selbst verändern.

Und jetzt kommt der Teil, der mich am meisten fasziniert, und für den du vielleicht ein wenig Mut brauchst. Während du diese Zeilen liest, hast du möglicherweise gedacht: „Wie wahr, ich kenne so viele Menschen in meinem Umfeld, die Opfer des Dunning-Kruger-Effekts sind, zum Glück bin ich aber nicht betroffen.“

Wenn das so ist, solltest du dir eingestehen, dass er just in diesem Moment mit voller Kraft auch bei dir wirkt. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass du die Ausführungen zu unbewussten Phänomenen interessiert gelesen hast, dann aber ebenfalls unbewusst einen dieser Gedanken im Kopf hattest:

  • Das kenne ich schon.
  • Das kann ich schon.
  • Das weiß ich schon.
  • Das ist doch nichts Neues.
  • Und vielleicht am gefährlichsten von allen: Das mag für andere Menschen relevant sein, ich bin davon nicht betroffen.

Diese Gedanken kennen wir alle, weil sie uns immer wieder durch den Kopf gehen. Wichtig ist nur, dass wir sie wahrnehmen, denn etwas zu wissen bedeutet nicht, es auch anzuwenden, etwas zu kennen bedeutet nicht, dass du es auch beherrschst, und etwas zu können bedeutet nicht, dass du es auch konsequent und dauerhaft umsetzt.

Und vor allem: Egal, wie gut du bereits bist, du kannst immer etwas dazulernen, deine Fähigkeiten verbessern und dich als Persönlichkeit weiterentwickeln.


Wie du dem Dunning-Kruger-Effekt ein Schnippchen schlägst

Wie kannst du diesem psychologischen Phänomen nun begegnen? Die Erkenntnis ist wichtig, dass ein wenig Beschäftigung mit einem Thema in Kombination mit gesundem Menschenverstand oftmals nicht ausreicht, um komplexe Probleme zu lösen, und wenn du diese Einsicht mit regelmäßiger Reflexion und der Übernahme von Verantwortung kombinierst, dann ist das schon mehr als nur der erste Schritt.

Wenn du dann zusätzlich noch in jede Diskussion mit der Bereitschaft gehst, dass die Möglichkeit besteht, dass du falsch liegen könntest, hast du bereits einen riesigen Vorsprung vor dem Großteil deines Umfelds.

Konkret kannst du dir folgende Fragen stellen, wann immer du merkst, dass dein innerer Hobbybundestrainer die Kontrolle übernehmen will:

  • Was wäre, wenn ich gar nicht alles wissen, kennen oder können würde?
  • Welche Chancen könnten sich ergeben, wenn ich diese Idee einfach ausprobieren würde?
  • Was könnte ich lernen, wenn ich mich intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen würde?
  • Wie müsste ich anders denken und handeln, damit diese Idee für meinen Alltag wirklich wertvoll werden kann?
  • Was ist die eine Erkenntnis, die ich direkt in meinem Leben umsetzen kann?

Merkst du, welche riesige Kraft in Fragen steckt, die den Fokus auf Chancen, Möglichkeiten und Lösungen richten? Solltest du die Entscheidung treffen, den Switch von „Kenn ich schon, kann ich schon, weiß ich schon“ auf „Was kann ich lernen? Wie könnte dieser Gedanke mir helfen?“ zu vollziehen, dann ist das die Philosophie des lebenslangen Lernens, und sie ist der Schlüssel zur goldenen Tür der Freiheit.

Denn am Ende des Tages geht es immer um eine einzige, dafür aber alles entscheidende Frage: Willst du recht haben oder glücklich sein?

Sunk Cost Fallacy: Warum du schlechte Entscheidungen triffst, obwohl du es besser weißt

Es ist ein wunderschöner Morgen im Juni. Ich sitze an meinem Küchentisch, genieße bei einem frisch gebrühten Americano diese besondere Zeit, bevor die Hektik des Tages beginnt, und meine Gedanken beginnen abzuschweifen. Vor allem ein Dilemma beschäftigt mich: Warum haben so viele Menschen, obwohl sie es eigentlich besser wissen, große Schwierigkeiten damit, kluge Entscheidungen zu treffen und sich von gescheiterten Projekten zu lösen? Die Antwort steckt in einem faszinierenden psychologischen Phänomen namens Sunk Cost Fallacy, also dem Trugschluss der versunkenen Kosten, und um zu erklären, was es damit auf sich hat, nehme ich dich mit in die 1990er Jahre.

Die Neunziger waren einfach einzigartig. Deutschland wurde in Rom Fußballweltmeister, wir liefen alle mit einem Game Boy herum, kümmerten uns liebevoll um unser Furby, spielten Snake auf dem Nokia und erlebten live mit, wie das traditionelle Privatanzeigengeschäft der Tageszeitungen auf eine Onlineplattform namens eBay wechselte. Insbesondere in der Anfangszeit des virtuellen Auktionshauses war ich sowohl als Käufer als auch als Verkäufer sehr aktiv, weil man in der damaligen Prä-Powerseller-Ära noch echt gute Schnäppchen machen konnte. Was mich aber mindestens genauso fasziniert hat wie die Schnäppchen, war das psychologische Schauspiel, das sich dabei regelmäßig abspielte: Ich beobachtete staunend, wie sich User bei mehr oder weniger belanglosen Artikeln gegenseitig so lange überboten, bis diese zu wahnwitzigen Preisen verkauft wurden. Einmal ersteigerte jemand einen 50-DM-IKEA-Gutschein für 63,75 Mark. Vollkommen irrational, und doch passierte es.


Die Dollarauktion: Ein Experiment über irrationale Entscheidungen

Dieses vollkommen irrationale Verhalten lässt sich am besten an einem Experiment veranschaulichen, das Professor Adam Grant von der Wharton Management Universität in Pennsylvania mit seinen Studenten durchgeführt hat, und zwar der sogenannten Dollarauktion. Die Regeln waren einfach: Jeder konnte ein Gebot auf einen 20-Dollar-Schein abgeben, der Höchstbietende erhielt ihn, und jeder musste sein höchstes Gebot auf jeden Fall zahlen, unabhängig davon, ob er die Auktion gewonnen hatte oder nicht.

Während die Studenten anfangs noch recht zögerlich ihre Gebote abgaben, entwickelte sich ab 17 Dollar ein regelrechter Gebotskrieg, der ab einem Gebot von 21 Dollar zu einer faszinierenden Situation führte: Der Gewinner war zu diesem Zeitpunkt mit einem Dollar im Minus, der Zweitplatzierte mit 20, der Dritte mit 19, und so weiter. Doch wenn du jetzt denkst, dass dies dazu führte, dass die Gebote aufhörten, dann hast du dich getäuscht, denn am Ende des Experiments wurde der 20-Dollar-Schein für mehrere hundert Dollar ersteigert.

Doch warum haben die Studenten so offensichtlich eine falsche Entscheidung getroffen, obwohl sie es doch eigentlich besser wussten?


Das Phänomen der versunkenen Kosten

Die Wissenschaft erklärt dies zum einen mit der Theorie der versunkenen Kosten, also den sogenannten Sunk Costs, womit Ausgaben gemeint sind, die bereits getätigt wurden und nicht mehr rückgängig gemacht werden können, aber trotzdem immer noch einen starken emotionalen Einfluss auf zukünftige Entscheidungen haben. Hinzu kommt die Verlustaversion, die besagt, dass Verluste subjektiv stärker gewichtet werden als Gewinne, und die Kombination dieser beiden Phänomene führt in der Praxis dazu, dass häufig desaströse Entscheidungen getroffen werden und man gescheiterte Projekte nur deshalb weiterführt, weil man schon so viel Zeit, Energie und Geld hineingesteckt hat.

Ich muss dann immer sofort an meinen Studienkumpel Gero denken, der in der völlig überhitzten Phase der Dotcom-Blase eine nicht unbeträchtliche Summe in eine, und ich zitiere, „todsichere Techaktie“ der New Economy investiert hatte. Nachdem diese um 25 Prozent gefallen war, kaufte er weitere Aktien nach, um seinen Verlust auszugleichen. Bei 50 Prozent Kursverlust borgte er sich weiteres Geld, um noch mehr in das Projekt zu investieren, bis die vollkommen überbewertete Aktie irgendwann ganz auf null gesunken war und Gero einen Totalverlust verbuchen musste. Hätte er doch lieber auf Manfred Krug gehört und in die Deutsche Telekom investiert. Doch ich schweife ab.

Ein weiteres perfektes Beispiel für die Sunk Cost Fallacy in einem anderen Kontext ist die Entwicklung des Überschallflugzeugs Concorde, das 1976 zu seinem ersten kommerziellen Flug von Paris nach New York abhob. Seit dem Projektstart im Jahre 1969 hatten die britische und französische Regierung bereits 2,8 Milliarden Euro in die Entwicklung investiert. Doch obwohl sich längst abgezeichnet hatte, dass die Concorde niemals profitabel sein würde, pumpte man noch 27 weitere Jahre Geld in das gescheiterte Projekt, warf also, umgangssprachlich ausgedrückt, gutes Geld schlechtem hinterher, weil man so viel Angst davor hatte, sich von einem Vorhaben zu trennen, von dem man längst wusste, dass es niemals erfolgreich enden würde.

Aus genau diesem Grund scheitern so viele Veränderungen: weil man sich nicht traut, einen Schlussstrich unter gescheiterte Vorhaben zu ziehen, weil man sich davor drückt, sich emotional von einer falschen Entscheidung zu trennen, und ganz besonders, weil man lieber alles versucht, sich den eigenen Misserfolg irgendwie schönzureden, anstatt noch einmal sauber von vorn zu beginnen.


Wenn du ein totes Pferd reitest, dann steig ab

Eine alte Weisheit der amerikanischen Ureinwohner bringt es auf den Punkt: „Wenn du ein totes Pferd reitest, dann steig ab.“ Klingt erst einmal logisch, nicht wahr? Aber wie reagieren wir Menschen im Alltag, von unserer Verlustaversion getrieben? Ein paar Beispiele gefällig:

  • Wir gründen eine Taskforce, um das tote Pferd zu analysieren.
  • Wir beauftragen eine Unternehmensberatung, die uns mittels PowerPoint erklärt, was das Pferd zu leisten imstande wäre, wenn es noch leben würde.
  • Wir verkünden, „dass wir das Pferd schon immer so geritten haben“.
  • Wir buchen einen Erfolgsguru, der das tote Pferd motivieren soll.
  • Wir tauschen die Reiterin aus.
  • Wir verdoppeln die Futterration für das tote Pferd.
  • Wir engagieren einen anerkannten Experten, der angeblich tote Pferde reiten kann.
  • Wir kaufen uns die allerneueste Generation von Peitschen.
  • Wir ändern die Kriterien, die ein totes Pferd definieren.
  • Wir genehmigen ein Sonderbudget für die Wiederbelebung toter Pferde.
  • Wir lassen das tote Pferd nach DIN ISO 9000 zertifizieren.

Auch wenn diese Liste natürlich mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen ist, so steckt doch eine große Portion Wahrheit dahinter, nicht wahr?


Was du jetzt damit anfangen kannst

Und das bringt mich zur entscheidenden Frage: Was ist dein ganz persönliches Pferd und dein Concorde-Projekt im Alltag? Welche Ziele, Träume und Projekte verfolgst du nur noch, weil du bereits so viele Ressourcen investiert hast, obwohl du schon lange spürst, dass es an der Zeit ist, loszulassen?

Solltest du solche Vorhaben in deinem persönlichen oder beruflichen Alltag identifiziert haben, dann hilft dir ein radikaler Fokus-Shift, nämlich weg von all den materiellen und immateriellen Kosten der Vergangenheit und hin zu den Kosten und möglichen Chancen der Zukunft. Akzeptiere, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab und wechsle das Fortbewegungsmittel. Denn möglicherweise führt dich ein Zug, ein Sportwagen oder ein Segelboot viel schneller und einfacher zum gewünschten Erfolg. Oder wie es Hermann Hesse so wunderbar formulierte: „Manche denken, Festhalten macht uns stark. Aber manchmal ist es das Loslassen.“ Denn sobald du dich nicht mehr krampfhaft an gescheiterten Projekten festhältst, hast du auf einmal beide Hände frei, um etwas vollkommen Neues zu starten.

Selbstsabotage: Warum du unbewusst deine eigenen Ziele zerstörst

Kennst Du das Phänomen der Selbstsabotage? Es ist wirklich omnipräsent, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch DU davon betroffen bist. Um Dir zu erklären, was genau ich damit meine, möchte ich Dich gerne mit auf eine Reise nach Paris einladen.

Ich sitze in meinem Hotelzimmer nahe dem Jardin des Tuileries in Paris, Elton John läuft aus der Bluetooth-Box, und ich denke an die Keynote, die ich vor wenigen Stunden für einen der größten europäischen Käsehersteller gehalten habe. Und weil mein unbewusstes Mind mir immer im richtigen Moment die perfekte Verknüpfung schenkt, lande ich bei einer Frage, die mich in meiner Arbeit täglich begleitet: Warum sabotieren sich so viele Menschen selbst, obwohl sie wirklich alles dafür tun, ihre Ziele zu erreichen?

Selbstsabotage ist nämlich nicht das, was die meisten darunter verstehen. Es geht nicht um bewusstes Scheitern oder fehlende Disziplin, sondern um etwas wesentlich Tückischeres: um unbewusste Programme, die tief in deinem Unterbewusstsein verankert sind und dort zuverlässig dafür sorgen, dass genau das verhindert wird, was du dir auf bewusster Ebene so sehnlichst wünschst. Und um zu erklären, wie das funktioniert, greife ich zu meinem Laptop und schreibe diesen Artikel, in dem sich alles um Käse, Zombieameisen und deine innere Jukebox drehen soll. Wenn du jetzt etwas verwirrt bist, dann bleib bitte bei mir, denn es wird gleich alles einen Sinn ergeben.

Falls du mich jemals zu deinem Geburtstag einladen solltest, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass du von mir ein Buch in die Hand gedrückt bekommst, das ich so häufig an andere Menschen verschenkt habe wie kein Zweites. Es trägt den wundervollen Namen Who moved my Cheese?, und irgendein schlauer Verleger ist auf die mir bis heute unbegreifliche Idee gekommen, diesen Titel mit Die Mäusestrategie für Manager zu übersetzen. WTF. Mit drei Ausrufezeichen. Denn der Inhalt hat mit Managern so gar nichts zu tun, sondern vielmehr mit der Frage, ob du dich im Leben aktiv auf die Suche nach neuem Käse machst, oder dich darauf verlässt, dass deine Käselager schon wieder aufgefüllt werden.


Wie gehst du mit Veränderungen in deinem Leben um?

In dem Buch erzählt der Autor Spencer Johnson die Fabel von zwei Mäusen, die gemeinsam mit zwei menschenähnlichen Zwergenwesen in einem labyrinthartigen Höhlensystem leben und deren Alltag nicht entspannter sein könnte, denn ihre Zeit verbringen sie damit, sich den lieben langen Tag ihre Bäuche vollzuschlagen, nämlich womit? Exakt, mit Käse natürlich. An vielen Ecken des Labyrinths befinden sich riesige Käselager, in denen sich die unterschiedlichsten Käsearten befinden, und wann immer die Mäuse und Zwergenwesen Hunger haben, müssen sie sich nur kurz auf den Weg in eine der Höhlen machen.

Doch da auch in Fabeln gilt, dass man nicht ewig konsumieren kann, ohne etwas zu produzieren, kommt es, wie es kommen muss: Die Käsevorräte neigen sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Die Reaktionen auf diese Veränderung könnten nicht unterschiedlicher sein, denn während sich die Mäuse umgehend auf die Suche nach Alternativen machen, reden sich die beiden Zwergenwesen ein, dass schon alles gut gehen wird und ignorieren das Problem komplett.

Du ahnst sicher schon, welche Frage ich dir nun stellen werde, oder? Hier kommt sie: Wofür steht die Metapher des Käses in deinem Leben? Was ist dein erster Instinkt, wenn dein gewohntes Leben von einer Veränderung betroffen ist? Machst du dich wie die Mäuse rechtzeitig und selbstbestimmt auf die Suche nach Chancen und alternativen Wegen? Oder neigst du eher dazu, auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, weil es auf irgendeine wundersame Art und Weise doch nicht so schlimm kommen wird?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass du voller Überzeugung geantwortet hast, dass du selbstverständlich zu der Kategorie der positiven, lösungsorientierten und chancensuchenden Menschen gehörst, die ihre Zukunft grundsätzlich aktiv gestalten. Aber selbst wenn du dir bewusst Ziele setzt, offen für Neues bist und wirklich erfolgreich werden möchtest, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du unbewusst alles dafür tust, genau diese Vorhaben zu verhindern. Du glaubst mir nicht?


Zombie-Ameisen und die Mechanismen der Selbstsabotage

Dann möchte ich dich einladen, mich gedanklich dabei zu begleiten, wie ich im letzten Sommer die Bohlen meiner Holzterrasse eingeölt und wetterfest gemacht habe. Als ich nämlich auf den Knien sitzend und nach mehreren Stunden schweißtreibender Arbeit in der prallen Julisonne kurz durchatme, beobachte ich, wie eine Karawane von Ameisen über die gerade frisch eingeölten Holzbretter wandert. Und an dieser Stelle kommen abermals die assoziativen Verknüpfungen des unbewussten Minds ins Spiel, denn ich muss plötzlich über ein Dilemma nachdenken, das mich schon länger fasziniert.

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Welt so schnell, intensiv und unberechenbar wandelt wie noch nie zuvor in der Geschichte. Und gleichzeitig haben immer mehr Menschen große Schwierigkeiten, aktiv mit all den kleinen und großen Veränderungsprozessen umzugehen, wobei ich damit nicht nur den Umgang mit externen Krisen und Problemen meine, sondern genauso das Initiieren von selbstgewählten Veränderungen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kenne so viele Menschen, die sich nichts Sehnlicheres wünschen, als in einem bestimmten Bereich besser und erfolgreicher zu werden, und deren Vorhaben trotzdem regelmäßig mit Pauken und Trompeten scheitern, obwohl sie wirklich alles nur Denkbare versucht, ausprobiert und unternommen haben.

Doch woran liegt es, dass sich Menschen so schwer mit Wandel tun? Es mag dich erstaunen, aber es ist weder fehlende Willenskraft noch ein Mangel an den benötigten Fähigkeiten oder gar die Abwesenheit von Intelligenz. Nein, der Grund ist wesentlich tückischer. Veränderungen scheitern nämlich hauptsächlich daran, dass wir uns selbst nach allen Regeln der Kunst sabotieren, und es ist ein wenig wie bei den Zombie-Ameisen, an die ich an jenem Morgen auf meiner Terrasse denken musste. Ja, die gibt es wirklich.

Es handelt sich hierbei um Insekten, die von einem Pilz der Gattung Ophiocordyceps befallen werden, der ab diesem Moment das Verhalten der bedauernswerten Ameisen steuert und dafür sorgt, dass diese freiwillig ihr Leben beenden. Hierzu zapft der Parasit die Schaltzentrale seines Wirts an und bringt diesen dazu, auf eine Pflanze zu klettern und sich an einem Ast, einem Halm oder einer Blüte festzubeißen, woraufhin der Pilz alle Zeit der Welt hat, um sich im kompletten Körper der Ameise auszubreiten, bis diese stirbt und die Sporen nach unten regnen, um sich am Waldboden einen neuen Wirt zu suchen.

Jetzt wirst du dich möglicherweise fragen, was dies eigentlich mit dir zu tun hat. Und natürlich würde ich es niemals wagen, dich mit einer fremdgesteuerten Zombie-Ameise zu vergleichen, nur weil du regelmäßig schlechte Gewohnheiten entwickelst, völlig irrationale Entscheidungen triffst oder immer wieder an den einfachsten Veränderungen scheiterst. Obwohl, eigentlich schon. Denn aufgrund evolutionär bedingter Prägungen verfügen die meisten Menschen über einen Negativitätsbias, also eine systematische Wahrnehmungsverzerrung, die dazu führt, dass die unbewussten Mechanismen tendenziell eher auf Probleme und Gefahren für den Status quo ausgerichtet sind. Vor 10.000 Jahren war dies überlebenswichtig, weil an jeder Ecke ein Säbelzahntiger lauern konnte. Leider funktioniert unser Gehirn auch im modernen Leben immer noch so wie in der Steinzeit, allerdings gibt es hier keine Bedrohungen für Leib und Leben mehr, denn die einzige Gefahr für den Status quo geht heute von neuen Ideen, Methoden und Wegen aus. Und um dich davor zu schützen, entwickelt dein unbewusstes Mind Programme, die zuverlässig dafür sorgen, dass du deinen eigenen Erfolg sabotierst.


Die Jukebox in deiner inneren Schaltzentrale

Du kannst dir das wie bei einer alten Jukebox vorstellen, die früher in fast jeder Kneipe einen prominenten Platz hatte. Die Bedienung war super einfach: Du musstest 50 Pfennig einwerfen, hast dann die Taste F6 gedrückt, es ging automatisch ein Greifarm nach hinten, um die gewünschte Platte auszuwählen, und wenige Sekunden später erklang dann Verdammt ich lieb dich von Matthias Reim aus den Boxen. Weil die Jukebox nach einem einfachen Prinzip programmiert wurde: Wenn die Taste X gedrückt wird, dann spiele die Platte Y ab. Und genauso funktionieren auch die Mechanismen in deinem unbewussten Mind.

Einen wichtigen Zusammenhang möchte ich dabei noch besonders hervorheben: Die unbewussten Mechanismen beginnen nämlich bereits zu wirken, bevor es überhaupt zu einer Verarbeitung von externen Informationen kommt. Aus deinen wichtigsten Glaubenssätzen und Werten entwickelt Jarvis einen Wahrnehmungsfilter, der steuert, worauf du deinen Fokus richtest, welche Dinge du in deiner Umgebung wahrnimmst und welche anderen du wie selbstverständlich ignorierst. Stell dir vor, du gehst nur mit einer Taschenlampe in der Hand durch eine dunkle Höhle, und je nachdem, wie dein Wahrnehmungsfilter aussieht, richtest du den Lichtstrahl wie von selbst entweder auf die verborgenen Schätze oder aber auf Spinnenweben, unheimliche Ecken und furchterregende Fledermäuse.

Was du also als deine Wirklichkeit bezeichnest, ist bereits das Ergebnis eines kraftvollen unbewussten Filters. Und diese gefilterten Reize lösen dann im nächsten Schritt die tief im unbewussten Mind verborgenen Programme aus, die nach dem bekannten Schema „Wenn X passiert, dann reagiere mit Y“ ablaufen, und zwar automatisch, zuverlässig und ohne jede Ausnahme. Je impulsiver, emotionaler und unbewusster du auf externe Trigger reagierst, desto geringer ist deine Fähigkeit zum rationalen und analytischen Denken ausgeprägt, denn in diesen Momenten scheint es, als wäre dein Intellekt in einem mentalen Tresor eingesperrt, während deine unbewussten Programme die komplette Kontrolle über dein Verhalten übernommen haben.

Und so spielt bei ganz vielen Menschen die innere Jukebox den kompletten Tag immer wieder Verdammt ich lieb dich hoch und runter, auch wenn man eigentlich viel lieber Lieder von Elton John, Iron Maiden oder Udo Jürgens hören würde.


Selbstsabotage überwinden

Es ist also an der Zeit, dem roboterhaften Abspielen des immer gleichen Programms einen Riegel vorzuschieben und dich wie die beiden Mäuse aus Who moved my Cheese? ganz bewusst auf die Suche nach neuen Chancen und Möglichkeiten zu machen. Stelle dir deshalb ab und zu diese Fragen, am besten genau dann, wenn du merkst, dass dein inneres Kopfkino wieder auf Hochtouren läuft: Worauf fokussiere ich mich gerade in dieser Situation? Wie genau denke ich gerade? Mache ich mich aktiv auf die Suche nach dem Käse in meinem Leben, oder erdulde ich passiv, dass die äußeren Umstände nun mal so sind, wie sie sind? Und vor allem: Entscheide ich mich bewusst für ein bestimmtes Verhalten, oder funktioniere ich gerade wie eine fremdgesteuerte Zombie-Ameise auf Autopilotmodus?

Carl Jung hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Bis zu dem Zeitpunkt, an dem du das Unbewusste bewusst machst, wird es dein Leben lenken und du wirst es Schicksal nennen.“ Wenn du mich fragst, ist es Zeit, deine Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Nicht wahr?

Mind auf Deutsch: Was Dein innerer Computer wirklich steuert

Die meisten Menschen glauben, dass sie ihre Entscheidungen bewusst treffen. Dass sie selbst bestimmen, was sie denken, fühlen und tun. Dass sie, mit anderen Worten, Herr über ihr eigenes Leben sind. Das ist ein freundlicher Irrtum. Denn der wirkliche Steuermann sitzt unsichtbar im Hintergrund, und er heißt auf Englisch Mind.

Was das genau bedeutet und warum es für alles, was du verändern willst, der entscheidende Ausgangspunkt ist, erkläre ich dir in diesem Artikel. Und ich beginne mit einem Arzt, der Mitte des 19. Jahrhunderts für eine Wahrheit kämpfte, die niemand sehen wollte.

Ignatz Semmelweis wusste, warum so viele Frauen im Wiener Allgemeinen Krankenhaus an Kindbettfieber starben, und er wusste auch, wie man es verhindern könnte. Regelmäßiges Händewaschen, peinlich genaue Hygiene, das war alles. Kein kompliziertes Verfahren, keine teuren Medikamente. Nur saubere Hände.

Das Problem? Niemand glaubte ihm. Nicht weil die Lösung falsch war, sondern weil die Ursache für das bloße Auge unsichtbar war. Die Bakterien, die von den Händen der Ärzte in die offenen Wunden der Patientinnen gelangten, existierten für die meisten Kollegen schlicht nicht. Und so wurde seine Studie von 1847 als spekulativer Unfug abgetan, während Semmelweis verzweifelt versuchte, Leben zu retten.

Ich denke manchmal, dass mir in meiner Arbeit als Keynote Speaker und Change-Experte ähnliches passiert. Nicht das Mobbing, das wäre übertrieben. Aber der Kern ist derselbe: Die Erklärung dafür, warum wir Menschen ticken, wie wir ticken, ist ebenfalls für das Auge unsichtbar. Wir reden über mentale Prozesse, über unbewusste Programme, über das, was im englischen Sprachraum schlicht „Mind“ heißt.

Und genau da beginnt die Herausforderung.


Was bedeutet Mind auf Deutsch?

Das ist eigentlich eine ganz einfache Frage. Und doch gibt es keine wirklich gute Antwort darauf. Wenn du „Mind“ ins Deutsche übersetzt, bekommst du Begriffe wie Geist, Verstand, Seele, Psyche, Gehirn oder Denkweise. Jeder davon trifft einen Teil der Bedeutung. Keiner trifft das Ganze.

Denn „Mind“ beschreibt den systemischen Zusammenhang zwischen kognitiven und unbewussten Prozessen. Es geht um das Bewusste und das Unbewusste, um rationales Denken und tief verwurzelte automatische Programme, und zwar als zwei Seiten ein und derselben Medaille. Im englischen Sprachraum nennt man das Conscious Mind und Unconscious Mind.

Weil es diese direkte Übersetzung nicht gibt, und weil Mindset mittlerweile zum täglichen Sprachgebrauch gehört, schlage ich vor: Lass uns das Wort einfach eindeutschen. Das Mind. Klar, direkt, und für jeden verständlich, der schon mal vom Mindset gehört hat.

Und damit wir nicht nur über abstrakte Konzepte reden, bekommt das Mind in diesem Artikel gleich einen Spitznamen.


Das Mind: Deine mentale Schaltzentrale

Das Mind ist der Teil deiner Persönlichkeit, der für das Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Entscheiden und Erinnern zuständig ist. Es verarbeitet externe Informationen, speichert sie intern, und produziert auf dieser Grundlage deine ganz persönliche Wirklichkeit. Man könnte sagen: Das Mind ist der Ort, an dem dein subjektives Erleben entsteht.

Ich stelle mir das gerne als einen riesigen mentalen Computer vor, der als Schaltzentrale für alles fungiert, was du denkst, fühlst und tust. Innerhalb dieses Computers gibt es zwei Bereiche, die sich grundlegend unterscheiden, und die zu verstehen den entscheidenden Unterschied macht.


Dein bewusstes Mind: Der vernünftige Tony Stark

Das bewusste Mind ist der Teil, den du kennst. Es ist die Stimme in deinem Kopf, der innere Dialog, mit dem du deinen Tag planst, Entscheidungen abwägst und Probleme analysierst. Logisch, strukturiert, analytisch.

Weil ich ein großer Marvel-Fan bin, nenne ich diesen Teil schlicht Tony. Wie Tony Stark aus Iron Man: rational, klug, und völlig überzeugt davon, immer den Überblick zu haben.

Das bewusste Mind arbeitet linear. Es kann fünf bis neun Informationen gleichzeitig aufnehmen und verarbeiten, das ist auch als die Millersche Zahl bekannt. Deine vierstellige PIN: kein Problem. Eine zwölfstellige Handynummer: schon schwieriger. Die sechzehnstellige IBAN für die Strafzahlung vom Bürgeramt: fast unmöglich.

Tony ist leistungsstark, aber er hat klare Grenzen. Und genau da kommt Jarvis ins Spiel.


Dein unbewusstes Mind: Der allwissende Jarvis

In der Iron-Man-Reihe hat Tony Stark einen digitalen Assistenten namens Jarvis. Dieser Computer begleitet ihn in jeder Sekunde seines Lebens. Immer dann, wenn Tony eine Information braucht, verschiedene Optionen abwägen muss oder vor einer schwierigen Entscheidung steht, durchforstet Jarvis seine riesige Datenbank und liefert nach wenigen Millisekunden die passende Antwort. Zuverlässig, schnell, automatisch.

Dein unbewusstes Mind ist genau das: dein persönlicher Jarvis.

Es ist das Betriebssystem deiner Persönlichkeit, das sich unterhalb deiner kognitiven Wahrnehmungsschwelle befindet und in dem sämtliche inneren Prozesse automatisiert im Hintergrund ablaufen. Jarvis steuert deine Körperfunktionen wie Atmung und Herzschlag, reguliert deine Körpertemperatur, verarbeitet Emotionen, speichert Erinnerungen und steuert deine Intuition. Er läuft rund um die Uhr, auch nachts, auch wenn Tony längst schläft.

Der entscheidende Unterschied zu einem echten Computer: Du hast Jarvis nicht bewusst programmiert. Deine innere Datenbank hat sich über Jahrzehnte durch Erfahrungen, Erlebnisse und emotionale Eindrücke von ganz alleine aufgebaut. Vor jeder Entscheidung, vor jedem Gedanken, findet ein automatischer Abgleich mit diesem gespeicherten Material statt, und dann läuft das Programm auf Autopilot.

Die folgende Regel ist dabei unumstößlich: Wenn sich Tony und Jarvis in einem Konflikt befinden, setzt sich immer das unbewusste Mind durch.


11 Millionen gegen 77: Die erstaunliche Kapazität deines Unterbewusstseins

Hier wird es wirklich faszinierend.

Der dänische Autor Tor Nørretranders hat erforscht, wie viele Informationen wir über unsere fünf Sinne aufnehmen. Das Ergebnis ist spektakulär: Unbewusst nehmen wir über elf Millionen Informationsbits pro Sekunde auf. Allein über das Sehen sind es zehn Millionen, über die Haut etwa eine Million, über Hören und Riechen zusammen nochmal 200.000.

Im bewussten Erleben dagegen? Gerade einmal 77 Bits pro Sekunde.

Um diese Relation greifbar zu machen, hat Vera F. Birkenbihl ein wunderbares Bild entwickelt: Stell dir einen schmalen, elf Kilometer langen Weg vor. Das ist dein unbewusstes Mind. Jetzt leg deine Hand auf diesen Weg. Die Fläche deines kleinen Fingernagels repräsentiert deine bewusste Wahrnehmung.

Das ist der Unterschied zwischen Tony und Jarvis. Und das erklärt auch, warum reine Willenskraft allein selten ausreicht, um tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen.


Der kritische Faktor: Dein mentaler Türsteher

Zwischen dem bewussten und dem unbewussten Mind gibt es noch eine dritte Instanz, die für alles Weitere entscheidend ist: den kritischen Faktor. Oder, um bei der Metapher zu bleiben: den mentalen Türsteher.

Als ich 19 Jahre alt war, verbrachte ich so gut wie jedes Wochenende in meiner Stammdiskothek, dem Hüx in der Lübecker Altstadt. Neben der Musik und dem Sauren Paul für eine Mark gab es einen entscheidenden Vorteil: Der Türsteher war mein Kumpel Ferry. Ein absolut gutmütiger Typ, aber mit einer äußeren Erscheinung, die nicht zur Diskussion einlud. Ferry arbeitete nach klaren Regeln, fair, aber konsequent. Wer die Standards nicht erfüllte, kam nicht rein. Wer bekannt war und passte, ging direkt durch.

Dein innerer Türsteher funktioniert genauso. Er entscheidet in jedem Moment, welche neuen Informationen, Ideen und Überzeugungen Einlass in dein unbewusstes Mind finden, und welche draußen bleiben. Die Kriterien sind nicht Kleidung oder Auftreten, sondern deine bestehenden Glaubenssätze, Werte und Erfahrungen. Was damit übereinstimmt, kommt rein und verstärkt, was ohnehin schon da ist. Was widerspricht, wird höflich, aber bestimmt abgewiesen.

Das ist der Grund, warum es so schwer ist, tief sitzende Überzeugungen zu verändern. Nicht weil du nicht willst. Sondern weil Ferry seine Regeln ernst nimmt.


Was das für dich bedeutet

Das ist der eigentliche Kern dieses ganzen Modells, und er ist wichtiger als jede einzelne Metapher: Nachhaltige Veränderungen beginnen nie auf der Ebene von Tony. Sie beginnen immer bei Jarvis.

Solange du versuchst, dein Verhalten durch bewusste Entscheidungen, eiserne Disziplin oder reine Willenskraft zu verändern, kämpfst du gegen das größte und leistungsfähigste System, das du besitzt. Das unbewusste Mind ist kein Feind. Es ist dein stärkster Verbündeter, wenn du verstehst, wie es funktioniert.

Die meisten Menschen wissen nicht, dass ihre unbewussten Programme mehr oder weniger zufällig entstanden sind. Durch frühe Erfahrungen, durch emotionale Ereignisse, durch Glaubenssätze, die andere ihnen mitgegeben haben. Und weil Jarvis immer zuverlässig das ausführt, was abgespeichert ist, entfernen sie sich von ihren eigenen Zielen und Träumen, ohne zu verstehen warum.

Der erste Schritt ist deshalb immer das Verstehen. Wer weiß, wie Tony und Jarvis zusammenarbeiten und was den Türsteher kontrolliert, hat den entscheidenden Hebel in der Hand.

Das ist nicht Esoterik. Das sind Fakten, Studien und die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung. Und es ist der Ausgangspunkt für alles, was echte Veränderung ausmacht.

Denn es ist dein Leben. Und du allein bestimmst, ob Jarvis weiterhin zufällig programmiert bleibt oder ob du anfängst, bewusst an seinem Code zu arbeiten.


Dieser Artikel basiert auf meinem SPIEGEL Bestseller Im Kopf beginnt die Freiheit. Wenn du tiefer in die Welt des Minds eintauchen willst, dann empfehle ich Dir ebenfalls, dir einmal meine Coaching Ausbildung anzuschauen.

Kritisches Denken: Die wichtigste Fähigkeit, um wirklich frei zu leben

Wer denkt eigentlich deine Gedanken?

Wenn dein erster Impuls gerade war, innerlich mit den Augen zu rollen und zu sagen: „Na, ich, wer denn sonst?“ Dann ist genau das der Grund, warum du diesen Artikel lesen solltest. Denn was wir landläufig als Denken bezeichnen, ist in den meisten Fällen etwas ganz anderes. Und dieser Unterschied bestimmt, wie frei du wirklich lebst.

Die Mythen, die wir für Wahrheiten halten

In meinem Job als Keynote-Speaker höre ich regelmäßig Kollegen auf der Bühne, die leidenschaftlich mehr Vor-Denker, Out-of-the-Box-Denker und Kreativ-Denker fordern. Mein erster Gedanke dabei ist jedes Mal derselbe: Es würde mir schon reichen, wenn die Leute überhaupt denken würden.

Kennst du die Mehrabian-Regel? Die besagt, dass Kommunikation zu 55 Prozent über Körpersprache, zu 38 Prozent über Tonalität und nur zu 7 Prozent über den Inhalt erfolgt. Fast jeder Kommunikationstrainer zitiert sie. Fast niemand hat geprüft, ob sie stimmt.

Sie stimmt nicht. Albert Mehrabian, der Namensgeber der Studie, hat diese Interpretation höchstpersönlich widerlegt.

Oder die Geschichte von der Hummel, die nach den Gesetzen der Aerodynamik eigentlich gar nicht fliegen kann. Klingt inspirierend, ist aber Fantasie. Genauso wie die berühmte Yale-Studie von 1957, in der angeblich die drei Prozent der Studenten mit schriftlichen Zielen später mehr Vermögen angehäuft haben als die anderen 97 Prozent zusammen. Diese Studie hat niemals existiert.

Was all diese Beispiele verbindet: Wir übernehmen sie unkritisch, weil sie gut klingen. Weil sie uns bestätigen, was wir ohnehin schon glauben. Und weil irgendjemand sie uns mit genug Überzeugung erzählt hat.

Die Pandemie der Denkfaulheit

Was ich hier beschreibe, ist kein Einzelphänomen auf Bühnen oder in Sachbüchern. Es ist ein Muster, das du buchstäblich überall findest. Ich nenne es die Pandemie der Denkfaulheit.

Schau dir mal den Feed deiner favorisierten Social-Media-Plattform an. Artikel, Memes, Sprüche, Botschaften, geteilt ohne einen Moment kritischer Überprüfung. Oft von genau jenen Menschen, die sich in ihrer Bio als „Freigeist“ oder „kritischer Denker“ bezeichnen. Margaret Thatcher hat das Problem bereits beschrieben, auch wenn es damals noch um eine andere Frage ging: Wenn man es erst erklären muss, ist man es ganz sicher nicht.

Das Problem ist systemisch. Politiker, Medien, Konzerne, NGOs und Lobbyisten servieren uns unsere Meinungen mundgerecht mit dem goldenen Löffel. Und weil das Denken dadurch so bequem ausgelagert werden kann, machen viele Menschen es schlicht und einfach nicht mehr selbst.

Dazu kommt der Confirmation Bias. Wir nehmen ohnehin nur die Informationen wahr, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Der Rest wird unbewusst weggefiltert. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf, in dem externe Ideen durch permanente Wiederholung zu dem werden, was wir für unsere eigenen Gedanken halten.

Die wichtigste Frage des kritischen Denkens

Ich nutze in meiner Arbeit als Coach eine einfache, aber überaus mächtige Technik. Sie führt von der Oberfläche einer Meinung direkt zu ihrer Quelle. Die Frage lautet:

Woher weiß ich das?

Nimm dir ein kontroverses Thema, Steuerpolitik, Klimawandel, Atomkraft, KI-Einsatz, Frauenquote, und formuliere deinen Standpunkt. Dann frage dich konsequent: Woher weiß ich das, was ich gerade gesagt habe?

Du wirst feststellen, dass du in vielen Fällen gar nicht zur Quelle deiner eigenen Überzeugung gelangst. Du hast etwas gehört, aufgeschnappt, gelesen. Jemand hat es dir erzählt. Und derjenige hat es seinerseits von jemandem übernommen, der auch nicht tiefer nachgeforscht hat. Eine Domino-Rallye aus ungeprüften Behauptungen, die sich irgendwann als allgemein akzeptierte Wahrheit etabliert.

Das perfekte Beispiel dafür sind die berühmten Zitate, die im Internet millionenfach Einstein, Goethe oder Steve Jobs zugeschrieben werden, obwohl die meisten davon niemals von diesen Personen stammen. Weil es so schön klingt und der erste Google-Treffer es bestätigt, hört die Recherche auf. Die falsche Information verbreitet sich weiter.

Kritisches Denken ist kein Dauerwiderspruch

Hier ist ein wichtiger Punkt, den ich ausdrücklich betonen möchte. Kritisches Denken bedeutet nicht, grundsätzlich gegen alles zu sein.

Du kennst diese Zeitgenossen, die ausnahmslos jede Aussage ablehnen, sobald sie aus einer bestimmten politischen Richtung kommt oder von jemandem, der nicht in ihr Weltbild passt. Das ist kein kritisches Denken. Das ist die gleiche Art von unkritischer Übernahme, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Echter kritischer Denker zu werden bedeutet vor allem, die eigenen Gedanken zu hinterfragen. Nicht nur die der anderen. In jeder Diskussion, in jedem Gespräch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass man selbst falschliegen könnte. Das klingt nach Schwäche. Es ist das Gegenteil. Wer diese Flexibilität entwickelt, wird zum gefragten Gesprächspartner, der jedes Gespräch mit einer Qualität bereichert, die die meisten anderen gar nicht kennen.

Wie du wieder zum Denker deiner eigenen Gedanken wirst

Wenn du kritisches Denken aktiv trainieren möchtest, sind diese Fragen ein guter Ausgangspunkt. Stell sie dir regelmäßig, zu Meinungen, Entscheidungen, Überzeugungen:

Ist diese Idee wirklich das Ergebnis meines eigenen Denkprozesses? Oder habe ich sie irgendwo aufgeschnappt und einfach für mich übernommen?

Basieren meine Gedanken auf meinen eigenen Werten und Erfahrungen, oder spiegle ich das wider, was mein Umfeld, meine Medien, meine Bubble für richtig hält?

Denke ich das, weil ich es wirklich so sehe? Oder weil man es eben so denkt?

Die ehrliche Antwort auf diese Fragen erfordert Mut. Immanuel Kant hat es präzise auf den Punkt gebracht: „Hab den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Das war 1784. Aktueller war es nie.

Warum kritisches Denken direkt mit Freiheit zusammenhängt

Je mehr du anfängst, wirklich eigenständig zu denken, desto mehr entwickelst du deinen eigenen inneren Bullshit-Filter. Er lässt dich mit schöner Regelmäßigkeit erkennen, wie oft Falschinformationen verbreitet werden, wie häufig Mythen als Fakten durchgehen und wie viele der Meinungen, die in deiner Bubble als selbstverständlich gelten, eigentlich gar nicht auf deinem eigenen Nachdenken beruhen.

Und das ist keine abstrakte Erkenntnis. Sie hat direkte Konsequenzen für dein Leben. Wer seine Entscheidungen, seine Karriere, sein Business und seine Lebensgestaltung auf eigenem Denken aufbaut, lebt authentischer. Erfüllender. Freier.

Kritisches Denken ist nicht das Hobby von Philosophieprofessoren. Es ist die Voraussetzung für ein Leben, das wirklich deins ist.


Ilja Grzeskowitz ist SPIEGEL-Bestseller-Autor und einer der gefragtesten Keynote-Speaker im deutschsprachigen Raum. Er begleitet Unternehmen wie Mercedes, SAP und Siemens bei Veränderungsprozessen. Sein Buch „Die Freiheit beginnt im Kopf“ ist bei Amazon erhältlich.

Die Matrix im Kopf: 5 psychologische Wahrheiten, die Ihr Denken für immer verändern

Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, festzustecken? Sich selbst zu sabotieren oder sich zu fragen, warum Sie trotz bester Absichten oft genau das Gegenteil von dem erreichen, was Sie sich vorgenommen haben? Viele von uns kennen dieses Gefühl, als würde man einen Film sehen, dessen Drehbuch man nicht kennt. Es ist vergleichbar mit dem Moment, in dem man 1999 aus dem Kino kam, nachdem man Matrix gesehen hatte – und das eigene Weltbild plötzlich heftig durchgeschüttelt wurde.

Die zentrale Idee ist, dass viele unserer unbewussten Mechanismen uns in einer Art „Matrix im Kopf“ gefangen halten – einer selbst erschaffenen Realität aus limitierenden Glaubenssätzen und externen Programmierungen. Das neue Buch Im Kopf beginnt die Freiheit von Ilja Grzeskowitz zeigt einen Weg auf, diese inneren Programme zu verstehen und zu verändern. Die folgenden fünf überraschenden Erkenntnisse aus dem Buch sind der erste Schritt, um aufzuwachen und das Steuer Ihres Lebens selbst in die Hand zu nehmen.

Die 5 überraschenden Erkenntnisse

1. Sie leben in einer selbst erschaffenen „Matrix“ – und Freiheit ist die neue Sicherheit.

Unsere subjektive Realität ist keine exakte Abbildung der Wirklichkeit. Sie ist eine persönliche „Matrix“, geformt durch externe Programmierungen von Medien und Konzernen, aber vor allem durch verinnerlichte Glaubenssätze. Diese Programme definieren, was wir für möglich halten, und hinterlassen unzählige Datenspuren, die unsere Illusion der Realität zementieren: Was Sie auf Amazon bestellen, wie es um Ihre Finanzen steht, welche sexuellen Fantasien Sie haben und warum Ihre TikTok „For You“-Page genau so aussieht, wie sie aussieht – all das formt die Wände Ihres mentalen Gefängnisses.

Die kontraintuitive Idee dabei ist, dass unser ständiges Streben nach Sicherheit uns oft in größere Unsicherheit stürzt. In der berühmten Szene des Films Matrix wählt der Rebell Cypher ein saftiges Steak und den Verrat an seinen Freunden über die harte Realität. Sein Fazit: „Unwissenheit ist ein Segen.“ Viele Menschen treffen unbewusst dieselbe Wahl. Sie klammern sich an die Illusion des sicheren Jobs oder des Status quo, nur um am Ende festzustellen, dass in einer unberechenbaren Welt beides längst verschwunden ist.

Die zentrale Botschaft lautet daher: Wahre Freiheit ist eine bewusste Entscheidung. Sie ist in der heutigen Welt die neue, robustere Form der Sicherheit. Indem Sie Verantwortung übernehmen und Ihr Leben selbstbestimmt gestalten, erlangen Sie die Flexibilität, auf jede Herausforderung eine Lösung zu finden.

Sicherheit ist nur eine Illusion. Freiheit ist eine Entscheidung.

Je mehr du das Steuer deines Lebens in die eigenen Hände nimmst und je mehr du es dir erlaubst, dein Leben auf dem Konzept von Freiheit aufzubauen, desto mehr Sicherheit wirst du verspüren.

2. Ihr Gehirn wird von einem Autopiloten namens „Jarvis“ gesteuert, der fast immer gewinnt.

Ilja Grzeskowitz stellt ein einfaches Modell vor, um die Funktionsweise unseres Geistes zu verstehen: Der bewusste Verstand, der logisch und analytisch denkt, wird „Tony“ genannt. Das Unterbewusstsein, das unsere Emotionen, Gewohnheiten und tiefsten Überzeugungen steuert, ist „Jarvis“.

Die Macht von Jarvis ist immens und wird dramatisch unterschätzt. Die Daten aus der Hirnforschung sind verblüffend: Während unser bewusster Verstand („Tony“) etwa 77 Informations-Bits pro Sekunde verarbeitet, verarbeitet unser Unterbewusstsein („Jarvis“) über 11 Millionen. Das ist, als würde man einen Fingernagel mit einer 11 Kilometer langen Strecke vergleichen.

Dieses Ungleichgewicht erklärt, warum reine Willenskraft oft scheitert, wenn wir versuchen, schlechte Gewohnheiten zu ändern. Wir nehmen uns bewusst etwas vor, aber unser unbewusster Autopilot hat andere Pläne. Es ist ein ungleicher Kampf, bei dem der Sieger von vornherein feststeht.

Wenn sich Tony und Jarvis in einem Konflikt befinden, dann setzt sich immer Jarvis durch.

3. Ihr Denken ist mit „Mindviren“ infiziert, die Ihre Realität formen.

Das Konzept der „Memes“ beschreibt Ideen, die sich wie Viren von Geist zu Geist verbreiten. Wenn diese Ideen negativ und limitierend sind, werden sie zu „Mindviren“, die unser Unterbewusstsein infizieren und zu tief verankerten Glaubenssätzen werden.

Konkrete Beispiele für solche schädlichen Mindviren, die unser Potenzial sabotieren, sind Sätze wie:

  • „Geld verdirbt den Charakter.“
  • „Um Erfolg zu haben, muss man seine Seele verkaufen.“
  • „Das Leben ist hart und kein Zuckerschlecken.“

Sobald sich solche Viren eingenistet haben, sorgt ein psychologisches Phänomen namens „Confirmation Bias“ (Bestätigungsfehler) dafür, dass wir sie kaum noch loswerden. Der Philosoph Robert Anton Wilson beschreibt diesen Mechanismus brillant: Unser Gehirn besteht aus einem „Denker“ und einem „Beweisführer“. Der Denker formt eine Idee – egal wie absurd – und der Beweisführer macht sich sofort auf die Suche nach Belegen, die diese Idee stützen, während er alles ignoriert, was ihr widerspricht.

Was der Denker denkt, wird der Beweisführer beweisen.

4. Die inkompetentesten Menschen halten sich für Experten (und Sie könnten einer von ihnen sein).

1995 raubte ein Mann namens McArthur Wheeler zwei Banken aus, nachdem er sein Gesicht sorgfältig mit Zitronensaft eingerieben hatte. Er war fest davon überzeugt, dass ihn dies für die Überwachungskameras unsichtbar machen würde – schließlich funktioniert Zitronensaft auch als unsichtbare Tinte. Er wurde noch am selben Tag verhaftet.

Diese wahre Geschichte ist das Paradebeispiel für den Dunning-Kruger-Effekt: Menschen mit geringen Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich neigen systematisch dazu, ihre eigene Kompetenz massiv zu überschätzen. Doch während man über die Absurdität von Zitronensaft-Unsichtbarkeit schmunzeln kann, liegt die wahre Macht des Effekts darin, wie subtil er sich in uns selbst manifestiert. Seine häufigste Verkleidung ist kein zitrusverschmiertes Gesicht, sondern zwei einfache Sätze, die wir bei neuen Ideen oder Ratschlägen denken: „Das kenne ich schon“ oder „Das weiß ich schon“. In diesen Momenten schlägt der Dunning-Kruger-Effekt zu, hindert uns am Lernen und zementiert unsere Ignoranz. Wahre Kompetenz zeigt sich oft in Demut und der Bereitschaft, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen.

5. Um mehr zu erreichen, brauchen Sie eine „Not-To-Do-Liste“.

Kennen Sie das Gefühl, dass Ihnen ständig unerledigte Aufgaben im Kopf herumschwirren? Dieses Phänomen wird als Zeigarnik-Effekt bezeichnet. Die Psychologin Bljuma Zeigarnik beobachtete in einem Kaffeehaus, dass sich ein Kellner mühelos an Dutzende offene Bestellungen erinnern konnte, diese aber sofort vergaß, sobald die Rechnung bezahlt war. Unser Gehirn hält eine „kognitive Spannung“ für unerledigte Aufgaben aufrecht, was zu permanentem Stress und mentaler Überlastung führt.

Die überraschende Lösung ist nicht, noch mehr zu tun, sondern weniger. Eine „Not-To-Do-Liste“ ist ein strategisches Werkzeug, um bewusst zu entscheiden, welche Ziele und Projekte man nicht verfolgt. Statt vager Vorsätze geht es um konkrete Entscheidungen: Projekte wie „Buch schreiben“ oder „Newsletter-Strategie erstellen“ werden bewusst auf später verschoben. Selbstsabotierende Gewohnheiten wie „direkt nach dem Aufwachen aufs Smartphone schauen“ werden aktiv gestrichen.

Dieser Akt des strategischen „Nein-Sagens“ schärft den Fokus, konzentriert die Energie auf das Wesentliche und ist eine der befreiendsten Fähigkeiten für ein selbstbestimmtes Leben. Er schafft Platz für das, was wirklich zählt.

Jedes wichtige Nein ist gleichzeitig ein Ja zu dir selbst.

Schlussfolgerung

Diese fünf Erkenntnisse ziehen einen klaren roten Faden: Unsere innere Welt – unsere unbewussten Programme, Mindviren und Wahrnehmungsfilter – formt unaufhaltsam unsere äußere Realität. Die gute Nachricht ist jedoch, dass wir nicht die hilflosen Opfer dieser Programmierung sein müssen. Wir haben die Macht, unser inneres Betriebssystem bewusst zu verstehen, neu auszurichten und so die Architekten unseres eigenen Schicksals zu werden.

Sie wissen nun, dass Ihr Autopilot Jarvis das Steuer hält und dass Mindviren Ihre Realität verzerren. Die rote Pille wurde geschluckt – welche eine Programmzeile in Ihrer persönlichen Matrix werden Sie als Erstes umschreiben?

Warum Du schlechte Entscheidungen triffst

Heute wollen wir uns einem weitverbreiteten Phänomen widmen: Warum Du schlechte Entscheidungen triffst, obwohl Du es eigentlich besser weißt. Der Artikel ist daher so relevant, weil diese Eigenschaft sich durch sämtliche Schichten der Gesellschaft zieht, unabhängig von Intelligenz, Wissen oder der Ausprägung bestimmter Fähigkeiten. Und der perfekte Ort, dieses Dilemma zu beobachten, ist die allseits beliebte Online-Aktionsplattform namens eBay.

Dieses psychologische Phänomen beeinflusst Deine Entscheidungen

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in der Anfangszeit des virtuellen Auktionshauses fast täglich die Webseite besuchte und sowohl als Käufer als auch als Verkäufer sehr aktiv war. Dies lag zum einen daran, dass man in der damaligen Prä-Powerseller-Ära noch echt gute Schnäppchen machen konnte, andererseits hat mich eBay schon immer aus psychologischer Sicht fasziniert.

Wie häufig beobachtete ich staunend, wie sich User bei mehr oder weniger belanglosen Artikeln gegenseitig so lange überboten, bis diese zu wahnwitzigen Preisen verkauft wurden. Und ich werde es wohl nie vergessen, wie ich einmal miterlebte, wie ein 50-DM-IKEA-Gutschein für 63,75 Mark ersteigert wurde. Dieses vollkommen irrationale Verhalten basiert auf einem psychologischen Phänomen aus der Verhaltensforschung, das am besten an einem Experiment namens Dollarauktion veranschaulicht werden kann.

Das psychologische Phänomen der versunkenen Kosten (Sunk Costs)

Laut einer Anekdote lud Professor Adam Grant von der Wharton Management Universität in Pennsylvania seine Studenten zur Versteigerung eines 20-Dollar-Scheins ein. Es gab nur drei einfache Regeln.

  1. Jeder konnte ein Gebot abgeben.
  2. Der Höchstbietende erhielt den 20-Dollar-Schein.
  3. Jeder muss sein Höchstgebot auf jeden Fall zahlen, unabhängig davon, ob man die Auktion gewonnen hatte oder nicht.

 

Während die Studenten anfangs noch recht zögerlich ihre Gebote abgaben, entwickelte sich ab 17 $ ein regelrechter Gebotskrieg, der ab einem Gebot von 21 $ zu einer faszinierenden Situation führte. Der Gewinner war zu diesem Zeitpunkt mit einem Dollar im Minus, der Zweitplatzierte mit 20 $, der Dritte mit 19 $ und so weiter. Doch wenn Du jetzt denkst, dass dies dazu führte, dass die Gebote aufhörten, dann hast Du Dich getäuscht, denn am Ende des Experiments wurde der 20-Dollar-Schein für mehrere hundert Dollar ersteigert.

Doch warum haben die Studenten so offensichtlich eine falsche Entscheidung getroffen, obwohl sie es doch eigentlich besser wussten? Die Wissenschaft erklärt dies zum einen mit der Theorie der versunkenen Kosten (Sunk Costs), also Ausgaben, die getätigt wurden und nicht mehr rückgängig gemacht werden können, aber immer noch einen emotionalen Einfluss auf zukünftige Entscheidungen haben.

Warum Du schlechte Entscheidungen triffst: Die Verlustaversion

Hinzu kommt die Verlustaversion, die besagt, dass Verluste subjektiv stärker gewichtet werden als Gewinne. Die Kombination dieser beiden Phänomene führt in der Praxis dazu, dass häufig desaströse Entscheidungen getroffen werden und man gescheiterte Projekte nur deshalb weiterführt, weil man schon so viel Zeit, Energie und Geld hineingesteckt hat.

Ich muss dann immer sofort an meinen Studienkumpel Gero denken, der in der völlig überhitzten Phase der Dotcom-Blase eine nicht unbeträchtliche Summe in eine, und ich zitiere, „todsichere Techaktie“ der New Economy investiert hatte. Nachdem diese um 25 Prozent gefallen war, kaufte er weitere Aktien nach, um seinen Verlust auszugleichen. Bei 50 Prozent Kursverlust borgte er sich weiteres Geld, um noch mehr in das Projekt zu investieren. Bis die vollkommen überbewertete Aktie irgendwann ganz auf null gesunken war und Gero einen Totalverlust verbuchen musste. Hätte er doch lieber auf Manfred Krug gehört und in die Deutsche Telekom investiert. Doch ich schweife ab.

Das Concord Projekt als Beispiel für Sunk Costs

Ein weiteres perfektes Beispiel für Sunk Costs in einem anderen Kontext ist die Entwicklung des Überschallflugzeugs Concorde, das 1976 zu seinem ersten kommerziellen Flug von Paris nach New York abhob. Seit dem Projektstart im Jahre 1969 hatten die britische und die französische Regierung bereits 2,8 Milliarden Euro in die Entwicklung investiert. Doch obwohl sich längst abgezeichnet hatte, dass die Concorde niemals profitabel sein würde, pumpte man noch 27 weitere Jahre Geld in das gescheiterte Projekt.

Oder umgangssprachlich ausgedrückt: Man warf gutes Geld schlechtem hinterher. Weil man so viel Angst davor hatte, sich von einem Vorhaben zu trennen, von dem man längst wusste, dass es niemals erfolgreich enden würde.

Aus genau diesem Grund scheitern so viele Veränderungen. Weil man sich nicht traut, einen Schlussstrich unter gescheiterte Vorhaben zu ziehen. Weil man sich davor drückt, sich emotional von einer falschen Entscheidung zu trennen. Und ganz besonders, weil man lieber alles versucht, sich den eigenen Misserfolg irgendwie schönzureden, anstatt noch einmal sauber von vorn zu beginnen.

Ja, hinfallen, aufstehen und die Krone richten, wäre in der überwältigenden Mehrheit der Fälle die einzig richtige Strategie. Doch weil man eben schon so viel Zeit, Energie oder eben auch Geld in die Verfolgung eines Ziels gesteckt hat, trifft man stattdessen eine desaströse Entscheidung nach der anderen. Und verschlimmert die Gesamtsituation dadurch noch um ein Vielfaches.

Wenn Du ein totes Pferd reitest, dann steig ab

Ich muss beim Schreiben dieser Zeilen direkt an eine alte Weisheit der amerikanischen Ureinwohner denken: „Wenn Du ein totes Pferd reitest, dann steig ab.“ Klingt erst einmal logisch, nicht wahr? Aber wie reagieren wir Menschen im Alltag? Von unserer Verlustaversion getrieben, versuchen wir alles, nur um diesen unbequemen Schritt zu verhindern. Ein paar Beispiele gefällig?

  • Wir gründen eine Taskforce, um das tote Pferd zu analysieren.
  • Wir beauftragen eine Unternehmensberatung, die uns mittels PowerPoint erklärt, was das Pferd zu leisten imstande wäre, wenn es noch leben würde.
  • Wir verkünden, „dass wir das Pferd schon immer so geritten haben“.
  • Wir buchen einen Erfolgsguru, der das tote Pferd motivieren soll.
  • Wir tauschen die Reiterin aus.
  • Wir suchen einen neuen Pferdelieferanten.
  • Wir verdoppeln die Futterration für das tote Pferd.
  • Wir engagieren einen anerkannten Experten, der angeblich tote Pferde reiten kann.
  • Wir kaufen uns die allerneueste Generation von Peitschen.
  • Wir ändern die Kriterien, die ein totes Pferd definieren.
  • Wir genehmigen ein Sonderbudget für die Wiederbelebung toter Pferde.
  • Wir lassen das tote Pferd nach DIN ISO 9000 zertifizieren.
  • Wir bilden einen Arbeitskreis, der alternative Einsatzgebiete für tote Pferde erarbeiten soll.

 

Auch wenn diese Liste natürlich mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen ist, so steckt doch eine große Portion Wahrheit dahinter, nicht wahr? Und diese Erkenntnis bringt mich zur entscheidenden Frage: Was ist Dein ganz persönliches Pferd und dein Concorde Projekt im Alltag?

Oder auf andere Art formuliert: Welche Ziele, Träume und Projekte verfolgst Du nur noch, weil Du bereits so viele Ressourcen investiert hast, obwohl Du schon lange spürst, dass es an der Zeit ist, loszulassen? Solltest Du solche Vorhaben in Deinem persönlichen oder beruflichen Alltag identifiziert haben, dann hilft Dir ein radikaler Fokus-Shift. Weg von all den materiellen und immateriellen Kosten der Vergangenheit und hin zu Kosten und möglichen Chancen der Zukunft.

Akzeptiere, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab und wechsele das Fortbewegungsmittel. Denn möglicherweise führt Dich ein Zug, ein Sportwagen oder ein Segelboot viel schneller und einfacher zum gewünschten Erfolg. Oder wie es Hermann Hesse so wunderbar formulierte: „Manche denken, Festhalten macht uns stark. Aber manchmal ist es das Loslassen.“ Denn sobald Du Dich nicht mehr krampfhaft an gescheiterten Projekten festhältst, hast Du auf einmal beide Hände frei, um etwas vollkommen Neues zu starten.

Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn

Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn. Diesen Satz würde ich am liebsten täglich all den Menschen zurufen, die sich nichts Sehnlicher wünschen, als erfolgreich, finanziell frei und generell glücklich im Leben zu sein. Und gleichzeitig aber – durch unbewusste Programmierungen getrieben – alles dafür tun, ihre bewusst gesetzten Ziele aufzuschieben oder gar aktiv zu sabotieren.

Und nur, dass wir uns richtig verstehen, es handelt sich dabei fast immer um positive Persönlichkeiten, die verstanden haben, dass Veränderungen zum Leben dazu gehören wie die Luft zum Atmen, und dass fehlendes mentales Wachstum unweigerlich in Tristesse, Unzufriedenheit und Frustration mündet. Gehört man nämlich zu dieser Kategorie, hat man häufig mit einem viel größeren – und weitgehend unbeachteten – Problem zu kämpfen. Ich spreche von der Tendenz, zu viel verändern zu wollen.

Ja, du hast richtig gelesen. Auch wenn Change Management eine ganz wundervolle Sache ist, kommt es wie immer im Leben darauf an, die richtige Balance zu finden. Oder wie es der Arzt Paracelsus bereits im 15. Jahrhundert formulierte: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Was ist der Selbstoptimierungswahn?

Übertreibt man es nämlich mit den Veränderungen, dann führt dies mit an ein Schweizer Uhrwerk erinnernder Präzision zu einem Phänomen, das auch als Selbstoptimierungswahn bekannt ist. Damit meine ich den unbewusst verspürten Druck, den Status quo mit aller Macht bekämpfen zu müssen. Und dies führt häufig zu einem fast zwanghaften Drang nach vermeintlicher Verbesserung, neuen Stimuli und einer permanenten Rastlosigkeit.

Die Resultate dieses Zustands sind noch gefährlicher als die altbekannte Veränderungsresistenz. Von einer inneren Unzufriedenheit angetrieben, wird man zu seinem größten Kritiker, probiert wahllos neue Wege aus und übertreibt es mit der Optimierung der vermeintlichen Schwachstellen. Bis der ehemals positive Ansatz zu einer sich selbst verstärkenden Negativspirale wird, die von Angst, Druck und einer Tendenz zu Aktionismus geprägt wird. Egal, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, Hauptsache man hat etwas verändert.

Doch damit nicht genug. Denn dieser sowohl schleichend, insbesondere aber unbewusst stattfindende Prozess mündet unweigerlich in Energielosigkeit, permanentem Stress und Überforderung. Und führt in letzter Konsequenz dazu, dass man noch viel unglücklicher ist, als all die Besitzstandswahrer, Status-Quo-Verteidiger und Vergangenheitsfestklammerer zusammen. Und das, obwohl man auf der bewussten Ebene alles dafür tut, das genaue Gegenteil zu erreichen.

Zu viel Veränderung verursacht Stress und macht unglücklich

Diverse empirische Studien (u.a. Stephan Grünwewald und Pr. Dr. Ernst von Kardorff) belegen die negativen Auswirkungen des dauerhaften Veränderungsdrucks auf unsere Psyche und generelle Gesundheit, aber auch der gesunde Menschenverstand legt die gleiche Schlussfolgerung nahe. Kennst du nicht auch Menschen, die es mit dem Change im Laufe der Zeit einfach übertrieben haben? Die ihr Verhalten, ihre Kommunikation, ihre Glaubenssätze, ihre Arbeitsabläufe und ihre vermeintlichen Schwächen so lange optimiert haben, dass sie überhaupt keine Ecken und Kanten mehr besitzen, weil sie komplett glatt geschliffen sind? Vor lauter Selbstoptimierungswahn haben diese Menschen überhaupt nicht wahrgenommen, dass der Kipppunkt längst überschritten wurde, durch den sich ihre ursprünglich positiven Veränderungen verselbstständigt haben.

Was ich damit meine? Dass grundsätzlich gute Eigenschaften ab einem bestimmten Punkt kontraproduktiv oder sogar destruktiv werden können. Lass mich dir einige Beispiele geben. Würdest du mir zustimmen, dass Liebe etwas Wunderschönes ist? Gut, das war jetzt eine rhetorische Frage. Aber was passiert, wenn man es übertreibt, wenn man obsessiv liebt? Dann führt diese eigentlich positive Eigenschaft irgendwann zu Besessenheit und belastender Klammerei. Aus wünschenswerter Sparsamkeit wird bei dauerhafter Übertreibung Geiz. Aus Skepsis wird Paranoia. Und Offenheit kann irgendwann leicht in Richtung Beliebigkeit kippen. Ich könnte die Liste noch weiterführen, aber ich denke, dass deutlich geworden ist, worauf ich hinauswill, nicht wahr?

Der Selbstoptimierungswahn im Alltag

Um den Kipppunkt im Kontext von Veränderungen zu veranschaulichen, wollen wir uns den typischen Tagesablauf eines fiktiven Menschen anschauen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen. Um es etwas plastischer zu machen, wollen wir diese Person Hans-Uwe nennen, der vor Kurzem seinen gut bezahlten Job als IT-Administrator in einem großen Konzern hingeschmissen hat, um seiner Leidenschaft zu folgen und sich selbstständig zu machen. Wie genau sein Geschäftsmodell aussieht, kann Hans-Uwe noch nicht genau formulieren, aber er spürt genau, dass es sich um sein absolutes Herzensbusiness handelt.

Angetrieben von den gängigen Botschaften auf Social Media, den Ratschlägen in Büchern und den Kalendersprüchen einschlägiger YouTube-Videos hat Hans-Uwe es sich auf die Fahne geschrieben, seine persönliche Entwicklung nicht dem Zufall zu überlassen. Aus diesem Grund steht er auch bereits um 5 Uhr morgens auf. Warum? Ganz einfach. Uwe ist Mitglied im berühmten 5am Club.⁠ Während andere noch schlafen, arbeitet Uwe bereits am Thema Persönlichkeitsentwicklung. Und das, obwohl er eigentlich ein Nachtmensch ist. Unausgeschlafen und müde startet er mit einer Stunde im Gym, um sich dort mit einem intensiven EMS-Workout und einer neuartigen Yogatechnik optimal auf den Tag einzustellen. Nach einer kalten Dusche steht zunächst eine Meditation auf dem Terminplan, gefolgt vom Ausfüllen des Erfolgsjournals. Um 7 Uhr frühstückt Hans-Uwe dann. Da er allerdings seine Kalorien genauestens mit einer App trackt, gibt es statt Brötchen mit Nutella nur einen Bullet Proof Coffee, denn jemand hat Hans-Uwe einst erzählt, dass dies das wahre Breakfast for Champions sei.

Hungrig, aber entschlossen visualisiert er dann seine Ziele für den Tag, die er mit der SMART-Formel schriftlich festgehalten hat. Da dies allein aber noch nicht ausreichend ist, unterstützt er den Prozess mit entsprechenden Affirmationen, die er vor dem Spiegel aufsagt und mit seiner persönlichen Power Pose abschließt.⁠ Die To-do-Liste für den Vormittag hat er mit der Eisenhower-Matrix festgelegt, und damit er maximal produktiv ist, nutzt er die Pomodoro-Technik für eine optimale Nutzung seiner knappen Zeit. In den wenigen Pausen holt er sich immer wieder Inspiration auf Instagram, wo er der Crème de la Crème der Motivationsbranche folgt, die ihn regelmäßig mit Zitaten versorgen, die ihn daran erinnern, wie wichtig es ist, ein Adler zu sein und auf keinen Fall ein Huhn.

So langsam knurrt Hans-Uwe der Magen richtig laut, denn weil er der Philosophie des Intermittent Fasting folgt, darf er nur zwischen 12 Uhr und 20 Uhr feste Nahrung zu sich nehmen. Da Gewinner aber wissen, dass Kohlenhydrate müde machen, genießt er einen Green Smoothie aus seiner dreiwöchigen Saftkur, die er sich gerade für mehrere hundert Euro gekauft hat. Auf dem Weg zu einem Networkingtermin (er ist immer offen für Synergien) vertrödelt Hans-Uwe nicht etwa seine Zeit, sondern hört stattdessen den Podcast eines von ihm bewunderten Gurus (natürlich in 2,7-facher Geschwindigkeit), der ihn auditiv immer wieder daran erinnert, dass man es nur zu etwas bringen würde, wenn man bereit ist, die Extra-Meile zu gehen. Da er vor dem Termin noch etwas Zeit hat, übt er sich in der Wim Hof Atemtechnik, die ihn in die Lage versetzt, noch effizienter mit seinem stressigen Alltag als Entrepreneur in Spe umzugehen.

Nach einem gleichsam anstrengenden wie ergebnislosen Nachmittag macht Hans-Uwe nicht etwa Feierabend, denn er ist ja schließlich ein Adler. Stattdessen loggt er sich in den wöchentlich stattfindenden Inner Circle Call seiner exklusiven Gewinnermastermindgruppe ein, die von seinem Guru angeboten wird, und dessen Mitglied er seit Kurzem für einen Jahresbeitrag von nur 35 Tausend Euro geworden ist. Hans-Uwe hat jetzt zwar Probleme, seine Miete pünktlich zu bezahlen, aber der Guru hat ihm versichert, dass er es nie zu etwas bringen würde, wenn er nicht in seine persönliche Entwicklung investieren würde. Nach dem Meeting hat er zwar immer noch keine Idee, wie er zu mehr Geld kommen könnte, dafür hat er aber den brandneuen Onlinekurs des Coaches gekauft, den es nur an diesem Abend zum Sonderpreis für 2.999 € gab.

Zum Ausklang des Tages gönnt sich Hans-Uwe eine Session mit seiner brandneuen Mind-Spa App, bevor er um kurz nach Mitternacht noch schnell zu seinem Erfolgstagebuch greift, um den Tag schriftlich zusammenzufassen. Doch er muss sich beeilen, denn schon in wenigen Stunden ist es wieder 5 Uhr, und der ganze Stress geht von vorne los.

Der Selbstoptimierungswahn als Ursache für Unzufriedenheit

Ja, ich gebe zu, dass ich zur Verdeutlichung manche Dinge etwas übertrieben dargestellt habe. Aber kommt dir all das nicht auch ein wenig bekannt vor? So wie Hans-Uwe geht es mittlerweile vielen Menschen. Und zwar unabhängig davon, in welcher Lebenssituation sich diese aktuell befinden. Es betrifft die Studentin genauso wie den Solopreneur, die Managerin, die Außendienstlerin oder den alleinerziehenden Vater. Kein Wunder, denn die Welt dreht sich immer schneller, und die Taktung, die Intensität und die Unberechenbarkeit von externen Veränderungen und globalen Krisen haben im Laufe der letzten Jahre massiv zugenommen.

Algorithmen bestimmen unseren Alltag, für jedes Problem gibt es heute eine passende Software und eine nicht gerade kleine Anzahl an Jobs wird in der Zukunft von künstlicher Intelligenz oder Maschinen übernommen werden. Immer mehr Menschen spüren instinktiv, dass wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte befinden. Und diese Entwicklung hat dazu geführt, dass Schlagworte wie Change Management, Transformation und Persönlichkeitsentwicklung mittlerweile omnipräsent geworden sind. Weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass man entweder auf den Zug der Veränderung aufspringen kann, oder sich irgendwann einsam und verlassen am Bahnsteig wiederfindet.

An dieser Stelle kommt die übertriebene Selbstoptimierung ins Spiel. So erfreulich es auf den ersten Blick auch erscheinen mag, dass der aktive Umgang mit dem Wandel eine immer größere Priorität genießt, so fatal sind häufig die konkreten Resultate der Anstrengungen. Denn die traditionellen Seminare, Programme, Schulungen und Bücher, die sich dem Thema widmen, basieren alle auf einer grundlegenden Prämisse: So wie man es bisher gemacht hat, ist es leider nicht mehr ausreichend. Es brauche neue Ideen, neue Wege und vor allem eines: Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit durch kontinuierliche Veränderungen.

Die fatalen Botschaften der Persönlichkeitsentwicklung

Doch wie sehen die darauffolgenden Bemühungen in der Regel aus? Schlag ein beliebiges Buch aus der Self-Help Szene auf, und du wirst die immer gleichen Botschaften finden, die mehr oder weniger subtil kommuniziert werden:

  • Dir fehlt etwas.
  • Du bist nicht gut genug.
  • Du hast dringenden Optimierungsbedarf.

Als Lösungen werden dann Modelle, Techniken und Werkzeuge vorgeschlagen, die alle in einer makellosen, außergewöhnlichen und vor allem perfekten Zukunft münden. Und die Versprechen klingen ja durchaus verlockend. Jeder könne seinen Traum leben, einen gut bezahlten Job haben, fit und gesund sein, glückliche Beziehungen führen, finanziell ausgesorgt haben und frei von Sorgen sein. Wenn, ja wenn man die Anweisungen der Experten nur perfekt und bis ins letzte Detail ausführen würde. Natürlich springt einem der Haken an dieser Herangehensweise sofort ins Auge.

Wir Menschen sind einfach nicht perfekt. Wir haben unsere Schwächen, sind nicht immer so diszipliniert, wie wir es gerne wären und auch unsere Motivation ist gelegentlich im Keller. Und wenn unperfekte Menschen nach einem perfekten Zustand streben, dann ist das Desaster zwangsläufig vorprogrammiert. Getriggert von den Suggestionen des „Dir fehlt etwas, du bist nicht gut genug und du hast dringenden Optimierungsbedarf“ versucht man verzweifelt, die eigenen Schwachstellen abzubauen.

Den Status quo mit aller Macht zu bekämpfen. Die eigene Persönlichkeit neu aufzustellen. Nichts dem Zufall zu überlassen und jedes einzelne Detail des Lebens zu steuern, zu kontrollieren und zu optimieren. Angetrieben von Tools, Methoden und der regelmäßigen Erinnerung an den notwendigen Optimierungsbedarf entwickelt man sich sukzessive zu einer menschlichen Laborratte, die so sehr damit beschäftigt ist, den vermeintlichen Mangel zu beseitigen, dass man irgendwann den eigentlichen Grund aus den Augen verliert, warum man ursprünglich mit all den Mühen begonnen hat: Ein erfülltes und zufriedenes Leben zu führen, das diesen Namen auch verdient hat.

Persönliche Veränderung bedeutet nicht, etwas optimieren zu müssen

Hand aufs Herz, hast du bei all den Veränderungen im persönlichen Alltag, dem dreiundzwanzigsten beruflichen Changeprozess innerhalb von fünf Jahren und den zahlreichen Krisen, mit denen wir uns immer häufiger auseinandersetzen müssen, nicht auch schon gedacht: „Mir reicht es jetzt, ich bin doch keine Maschine“? Dann möchte ich dir gerne einen Ansatz vorstellen, der es dir erlaubt, positive und nachhaltige Veränderungen zu erreichen, ohne dich dabei im Selbstoptimierungswahn zu verfangen. Meine These lautet:

Veränderung gelingt dann am besten, wenn du dich von dem Gedanken verabschiedest, dass es etwas zu optimieren gäbe.

Das exakte Gegenteil ist nämlich der Fall, und am besten liest du dir den folgenden Satz so oft durch, bis du ihn tief in deinem Innersten verankert hast:

Du bist gut so, wie du bist.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass dieser Satz ein wenig kitschig daherkommen könnte, aber er trifft den Nagel nun einmal auf den Kopf. Du bist eine wundervolle und wertvolle Persönlichkeit mit den unterschiedlichsten Facetten. Mit all deinen Stärken und Schwächen. Mit all deinen Ecken und Kanten. Und egal, ob du mit deiner aktuellen Lebenssituation zufrieden bist, oder am liebsten noch einmal komplett von vorne anfangen würdest, es gibt nichts, aber auch gar nichts zu optimieren.

Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn

Gibst du mir deine Hand drauf, dass du diese Tatsache nie wieder vergessen wirst? Wunderbar, dann hat sich für mich das Schreiben dieses Artikels bereits jetzt mehr als gelohnt. Und selbstverständlich bedeutet die Akzeptanz der individuellen Einzigartigkeit nicht, dass deine Zukunft nicht noch glücklicher, erfolgreicher oder erfüllter sein könnte. Ganz im Gegenteil, ich würde mir sogar wünschen, dass dein Kopf voller großer Ideen, mutiger Ziele und komplett verrückter Träume ist. Du weißt schon, ich spreche von der Art von Träumen, bei denen dein Umfeld anfängt zu schwitzen, und dich fragt: „Du willst WAS tun?“

Glaub mir, wir alle haben diese Träume. Aber nur die wenigsten trauen sich auch, sie wirklich zu leben. Weil die große Masse sich lieber im destruktiven Labyrinth des Selbstoptimierungswahns verirrt, anstatt die notwendigen Veränderungen mit der richtigen Balance anzugehen. Denn nicht alles, was alt ist, ist automatisch schlecht. Und nicht alles, was neu ist, ist per se gut. Es kommt immer auf eine ausgewogene Mischung an.

Wenn du gar nichts veränderst, dann bleibt eben auch alles, wie es ist. Und dieses fehlende persönliche Wachstum ist es, warum ein Großteil unserer Gesellschaft heute so frustriert und desillusioniert durch den Alltag geht. Genauso falsch ist es allerdings auch, wenn du es mit der Veränderung übertreibst. Wenn du keinen Stein auf dem anderen lässt, zu viel auf einmal willst und dir so sehr einredest, dass du die eigenen Schwachstellen abbauen müsstest, dass du dich im Laufe der Zeit immer mehr von sich selbst wegbewegst.

Veränderung ist Balance. Immer. Und dabei wünsche ich dir jeden Erfolg dieser Welt.

Warum scheitern Veränderungen? Das Krokodil im Kopf ist schuld!

Warum scheitern Veränderungen so häufig?

Ich hätte niemals gedacht, dass mir ein Kinderbuch den größten Heureka-Moment in Bezug auf den Umgang mit Veränderung bescheren würde. Klingt komisch, ist aber tatsächlich so. Als kleiner Junge liebte ich es, wenn ich auf dem Schoß meines Großvaters sitzen durfte, und er mir mit stoischer Ruhe aus den unterschiedlichsten Büchern vorlas. Mein absoluter Favorit war Das riesengroße Krokodil des britischen Schriftstellers Roald Dahl.
 
Das Buch erzählt von den Erlebnissen eines hungrigen Krokodils, das es sich zum Ziel gesetzt hat, ein saftiges kleines Kind aus dem Dorf am Rande des Dschungels zum Mittag zu verspeisen. Um dies zu erreichen, bedient es sich einer Menge kreativer Ideen und verkleidet sich u.a. als Palme, Wippe, Bank oder als Figur eines Karussells. In jedem einzelnen Kapitel gelangt das listige Krokodil fast an das Ziel seiner Träume, weil es aufgrund seiner Tarnung kaum von den Alltagsgegenständen zu unterscheiden ist. Doch wie es sich für ein Kinderbuch gehört, wird es natürlich immer wieder rechtzeitig entdeckt, bis es im großen Finale der Geschichte von einem Elefanten in den Himmel geschleudert wird, und kurz darauf in der Sonne verbrennt.
 
Trotz dieses durchaus gewaltsamen Endes war Das riesengroße Krokodil für viele Monate mein absolutes Lieblingsbuch, von dem ich einfach nicht genug bekommen konnte. Doch alles im Leben hat seine Zeit, und während ich heranwuchs, schloss ich andere Bücher in mein Herz und vergaß die Abenteuer des listigen Reptils irgendwann komplett. Bis ich eines Tages selbst Vater wurde und anfing, meinen beiden Töchtern Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen, zu denen selbstverständlich auch die Abenteuer des riesengroßen Krokodils gehörten, die sich schon nach kurzer Zeit ebenfalls zu den absoluten Favoriten meiner Kinder entwickeln sollten. Egal, wie müde sie auch waren, immer wenn sich das Krokodil mal wieder als Palme, Wippe, Bank oder Karussellfigur tarnte, fieberten sie mit den Kindern in der Geschichte mit, und juchzten laut vor Freude, wenn es am Ende von dem Elefanten Richtung Sonne geschleudert wurde.
 

Das Krokodil im Kopf als Ursache für die unbewusste Selbstsabotage

Ich weiß bis heute nicht, ob es nun die kindliche Freude meiner Töchter, oder einfach nur Zufall war, aber als ich das Buch eines Abends zuklappte, fiel mir auf einmal so deutlich wie nie auf, welche Parallelen es zwischen der Geschichte und meinem beruflichen Alltag als Keynote Speaker und Change Coach doch gibt. Die unterschiedlichen Tarnungen des Krokodils aus der Kindergeschichte sind nämlich die perfekte Metapher dafür, warum uns die unterschiedlichsten Veränderungen im Leben so schwerfallen. Weil wir alle ein Krokodil in unseren Köpfen haben, das sich zum Ziel gesetzt hat, unsere Vorstellung von einem glücklichen, zufriedenen und erfolgreichen Leben zum Mittag zu verspeisen. 
 
Immer dann, wenn du etwas Altes loslassen, etwas Neues wagen oder etwas Bestehendes verändern willst, flüstert es dir mit einer vertrauten Stimme verführerisch zu, dass dies eine miserable Idee wäre. Und es tut dies mit einer Listigkeit, die ihresgleichen sucht. Tief im unbewussten Mind sitzend, tarnt sich das Krokodil als Sorgen, Zweifel und Ängste und sorgt dafür, dass…
 
  • Du dich selbst sabotierst und permanent gegen einen inneren Widerstand ankämpfen musst.
  • Du deine Ziele und Träume in der berühmten Schublade versauern lässt, und dich stattdessen mit unwichtigen Tätigkeiten ablenkst.
  • Du keine wichtigen Entscheidungen triffst, sondern lieber auf Nummer Sicher gehst und alles beim Alten belässt.
  • Du deine Vorhaben immer wieder auf Irgendwann verschiebst.
  • Du dir einredest, nicht gut genug, mutig genug oder motiviert genug zu sein.
  • Du als Konsequenz lieber ein unglückliches, unzufriedenes und frustriertes Leben führst, anstatt dich mit Dingen, Tätigkeiten und Aufgaben zu beschäftigen, die wirkliche eine Bedeutung haben. 
 
Und es kommt noch besser, denn je bedeutender ein Ziel, ein Projekt oder ein Vorhaben für dich ist, desto intensiver und hartnäckiger wird das Krokodil versuchen, dich mit aller Macht von einer möglichen Umsetzung abzuhalten. Die Ursache für diese Art von Vermeidungsstrategien ist übrigens weder fehlende Intelligenz noch mangelnde Motivation oder eine nur schwach ausgeprägte Willenskraft. Vielmehr liegt es ausschließlich daran, dass in den entscheidenden Momenten dein Krokodilhirn die Kontrolle übernommen und deinen rationalen Verstand zur Seite gedrängt hat.
 

Warum scheitern Veränderungen? Das Reptilienhirn 

Bei diesem Begriff handelt es sich zum einen natürlich um eine Metapher, andererseits aber auch um einen existierenden Teil ihres Gehirns. Möglicherweise kennst du ihn auch bereits unter der Bezeichnung Reptilienhirn, denn während das menschliche Gehirn ungefähr die Größe von zwei geballten Fäusten hat, verfügen Echsen, Schlangen und eben auch Krokodile nur über ein winziges Gehirn, dessen einzige Aufgabe darin besteht, das eigene Überleben sicherzustellen. Aus diesem Grund kennt es auch nur drei Zustände, nämlich Angst, Hunger und den Fortpflanzungstrieb. Die daraus entstehenden Verhaltensweisen laufen fernab jeglichen Bewusstseins ab, sind ausschließlich instinktgesteuert und insbesondere in Extremsituationen folgen sie dem Reflex, entweder die Flucht zu ergreifen oder in den Angriffsmodus umzuschalten. 
 
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt. Denn obwohl wir Menschen als einzige Spezies auf diesem Planeten über ein Bewusstsein verfügen und intelligente und auf rationaler Abwägung basierende Entscheidungen treffen können (also zumindest in der Theorie), so verfügen wir auch heute – trotz aller evolutionstechnischer Weiterentwicklung – immer noch über ein Reptilienhirn, welches dafür sorgt, dass wir mit schöner Regelmäßigkeit den vererbten Instinkten aus der Urzeit nachgeben und infolgedessen dazu neigen, hochemotionale, irrationale und manchmal sogar richtig dumme Entscheidungen zu treffen.
 
Ich liebe daher die Metapher des Krokodils im Kopf als vereinfachende Erklärung für die Irrationalität menschlichen Verhaltens. Aber lass dich davon bitte nicht täuschen, denn die dahinterstehenden Prozesse basieren durchgehend auf neurowissenschaftlichen Forschungen und Studien. Schauen wir also etwas genauer hin. Auch wenn das Gehirn ein hochkomplexes Organ ist, so lässt es sich doch vereinfachend in die folgenden Bereiche aufteilen, die alle eine bestimmte Aufgabe haben.
 
 
Warum scheitern Veränderungen. Das Krokodil im Kopf
 

Das Triune Brain – Die drei Bereiche des Gehirns

Der evolutionsgeschichtlich älteste Bereich ist das Stammhirn, welches deine Atmung, den Herzschlag, die Verdauung und sämtliche anderen unbewussten Körperfunktionen steuert, die Sie zum Leben benötigen. 
 
Der zweitälteste Bereich ist das limbische System, dessen wichtigster Bestandteil das in unseren Betrachtungen im Mittelpunkt stehende Krokodilhirn ist, welcher von der Wissenschaft den Namen Amygdala erhalten hat. Dieser walnussgroße Teil des Gehirns wird auch bei uns Menschen von den drei Urinstinken Angst, Hunger und Sexualtrieb getriggert und führt zum berühmt-berüchtigten Reflex von Flucht oder Angriff, der sich niemals intellektuell steuern lässt. Vor zwei Millionen Jahren war dies noch ein wahrer Segen, denn durch den unbewussten gesteuerten Instinkt bekamen unsere Vorfahren wertvolle Sekunden geschenkt, die sie davor bewahrten, nicht vom Säbelzahntiger gefressen zu werden.
 
Für den modernen Großstadtmenschen ist dieser Flucht-Angriff-Mechanismus allerdings extrem hinderlich, weil wir heute mit ganz anderen Gefahren zu kämpfen haben. Um dich vor diesen zu schützen, redet dir das Krokodil im Kopf mit säuselnder Stimme ein, lieber jegliches Risiko zu vermeiden, dich mit suboptimalen Ergebnissen zufriedenzugeben oder neue Dinge gar nicht erst auszuprobieren. 
 
Der dritte Bereich ist das Kleinhirn, das für Koordination und motorische Kontrolle zuständig ist, gefolgt vom vierten, dem Großhirn (Neocortex). Dieses ist der evolutionstechnisch jüngste und auch kultivierteste Teil des Gehirns und ist für logisches Denken, Sprechen, bewusstes Planen, sowie der Wahrnehmung verschiedener Stimuli zuständig ist.
 
Fassen wir diese Bereiche vereinfachend zusammen, so verfügst du eigentlich über zwei Gehirne. Da ist auf der einen Seite das von Emotionen, Trieben und Instinkten gesteuerte Krokodilhirn. Es existiert ausschließlich, um dich vor potenziellen Gefahren zu schützen, indem es Veränderungen mit aller Macht zu verhindern versucht, damit der gewohnte und sichere Status quo aufrechterhalten werden kann.
 
Auf der anderen Seite ist das intellektuelle Hirn, das dich dazu befähigt, zu lernen, Situationen zu analysieren, rational zu bewerten und mittels Sprache zu kommunizieren. Und jetzt kommt das Faszinierende. Denn obwohl dieser Bereich den Großteil der Hirnmasse ausmacht, wird er im Alltag von dem evolutionstechnisch wesentlich erfahrenerem Krokodilhirn regelmäßig dominiert und übergibt diesem die vollständige Kontrolle. Die Auswirkungen könnten fataler nicht sein, denn in sämtlichen Situationen, in denen der Status quo sich in potenzieller Gefahr befindet, werden sämtliche rationalen Aspekte ignoriert, und du reagierst ausschließlich emotional, impulsiv und lässt dich von Instinkten leiten. Und zwar vollkommen unabhängig davon, ob die daraus resultierenden Verhaltensweisen deinen bewusst formulierten Zielen entsprechen.
 

Das Krokodil im Kopf verhindert Veränderungen

Weil wir Menschen auch im Jahr 2025 noch immer von unseren Urinstinkten geprägt sind, ist das Krokodilhirn ein wahrer Meister darin, mögliche Veränderungen zu verhindern, um dich vor einem möglichen Scheitern zu beschützen. Und je mehr Bedeutung etwas für Sie hat, desto mehr wird sich das Krokodil in deinem Kopf anstrengen und alles dafür tun, um dich an der Umsetzung zu hindern. Nur, damit sich nichts verändert, und alles so bleibt, wie es ist.
 
Was sich auf den ersten Blick noch relativ harmlos liest, hat langfristig gravierende Auswirkungen. Das Krokodil im Kopf ist der Grund, warum unsere Karrieren stagnieren, warum wir das schon seit Langem geplante Unternehmen nicht gründen, warum Diäten scheitern, warum wir finanzielle Probleme haben, warum wir in unglücklichen Beziehungen verharren, warum wir die Weltreise nicht antreten, warum wir das in uns schlummernde Buch nicht schreiben, warum die Fitnessstudios ab Mitte Januar wieder wie leer gefegt sind, und warum wir nicht den Erfolg erreichen, von dem wir auf bewusster Ebene so sehr träumen. 
 
Wir können nach Außen noch so sehr betonen, wie sehr wir all diese Dinge wirklich in unserem Leben haben möchten, aber wenn es dazu kommt, dass wir die dazu notwendigen Veränderungen angehen müssen, übernimmt ein evolutionär bedingter Instinkt die Kontrolle und sorgt dafür, dass wir eine plausibel klingende Ausrede finden, uns mit belanglosen Tätigkeiten ablenken, mit unwichtigen Dingen beschäftigen oder uns auf eine andere kreative Art und Weise selbst sabotieren. Du weißt, von welchen Situationen und Vermeidungsmechanismen ich spreche, nicht wahr?
 

Beispiele für die unbewusste Selbstsabotage

Diese Beispiele waren dir bislang nicht konkret genug? Dann lass uns auf die Ebene des Verhaltens schauen. Hast du dir jemals vorgenommen, eine wichtige Präsentation vorzubereiten, ein Konzept für einen potenziellen Auftraggeber zu entwickeln, neue Kunden zu akquirieren, eine Bewerbung zu schreiben oder ein Projekt in deiner Firma zu übernehmen? Doch anstatt dich mit Freude an die Umsetzung zu machen, hast du deine Zeit lieber mit endlosem Surfen im Internet, dem Anschauen von Koch-Tutorials auf YouTube oder dem belanglosen Scrollen durch deine TikTok-For-You-Page verbracht? Der Anstifter für dieses Verhalten ist das Krokodil in deinem Kopf, das dich davor bewahren will, dass du dich blamieren, dass du versagen oder dass du scheitern könntest.
 
Oder kannst du dich an eine Konfliktsituation aus deinem Alltag erinnern, in der du mit Ärger, Wut und einem emotionalen Ausbruch reagiert hast, für den du dich direkt im Anschluss ein wenig geschämt hast?  Standest du jemals vor einem Problem, vor dem du davongelaufen bist, obwohl es leicht gewesen wäre, eine Lösung zu finden? Auch in diesen Fällen hat das Krokodil im Kopf auf seine ganz spezielle Art und Weise versucht, dich vor negativen Gefahren zu schützen.
 
All diese Beispiele haben eines gemeinsam. Dein Krokodilhirn dominiert deinen rationalen Verstand, wenn du dich in Situationen befindest, die in der Urzeit eine potenzielle Gefahr bedeuteten. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Etiketten deiner Identität angegriffen werden, deine Sicherheit bedroht ist, dein sozialer Status attackiert wird, oder es generell um Geld, Macht, Sex oder Essen geht. Von den verführerisch klingenden Ideen des Krokodils in deinem Kopf flüchtest du dich dann in die folgenden typischen Verhaltensmuster.
 
  • Prokrastination: Es fällt dir schwer, Ziele, Aufgaben oder Projekte anzugehen, weil du dich viel lieber mit Unwichtigem ablenkst.
  • Kein Durchhaltevermögen: Du fängst immer wieder Dinge an, beendest diese aber selten.
  • Negativer innerer Dialog: Du bist dein größter Kritiker.
  • Aufschieberitis: Du steckst regelmäßig in der „Wenn-Dann-Falle“ (Wenn ich erst einmal X habe, kann oder bin, dann kann ich auch Y haben, tun oder erreichen).
  • Emotionale Instabilität: Sorgen, Zweifel und Ängste gehören zu deinem Alltag
  • Verzetteln: Du hast Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen
  • Perfektionswahn: Du verschiebst häufig Aufgaben, weil du denkst, perfekt sein zu müssen. So kommt es, dass kein Ergebnis jemals gut genug für dich ist.
  • Fehlender Mut: Es fällt dir schwer, Entscheidungen zu treffen.
  • Vergangenheitsorientierung: Du klammerst dich lieber an der guten, alten Zeit fest, anstatt die Zukunft aktiv zu gestalten
  • Instant Gratification: Sofortige Bedürfnisbefriedigung ist dir wichtiger, als deine langfristigen Ziele und Träume
  • Ausreden: Du bist ein Meister darin, deine durch das Krokodil im Kopf getriggerten Verhaltensweisen im Nachhinein zu rationalisieren

Zwei Wege, um das Krokodil im Kopf zu Deinem Verbündeten zu machen

Ob wir es nun gut finden, oder nicht, wir alle kennen Situationen, in denen wir von den genannten Verhaltensmustern dominiert werden, nicht wahr? Aber das ist gar nicht so schlimm, denn viel wichtiger ist, wie du damit umgehst. Du hast jederzeit die Wahl, ob du dich von dem Krokodil in deinem Kopf paralysieren lässt, oder es zu deinem größten Verbündeten werden lässt. Und das gelingt dir, indem du es als deinen besten Freund akzeptierst und es an die Leine legst.
 

1) Das Krokodil als Freund akzeptieren

Das Krokodil in deinem Kopf kann entweder dein größter Feind oder dein bester Freund sein. Und die Wahl liegt ausschließlich bei dir. Nur du bestimmst, ob du dich von deinen Urinstinkten paralysieren lässt, oder ob du die Kraft der Amygdala dafür einsetzt, deine Ziele und Träume zu erreichen. Eine hervorragende Idee ist es, deinem Krokodil einen Namen zu geben. Ja, wirklich, du ahnst ja gar nicht, welche Auswirkungen dies hat. Meines heißt seit vielen Jahren “Biggie”, was gleichsam eine Reminiszenz an das riesengroße Krokodil aus meiner Kindheit, als auch an die Rap-Ikone Notorious BIG ist. Und wir haben eine richtig gute Beziehung, weil ich verinnerlicht habe, dass Biggie immer dann in Aktion tritt, wenn ich gerade dabei bin, neue Wege zu beschreiten, mich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln und notwendige Veränderungen umzusetzen.
 
Sobald du dein Krokodil zu deinem besten Freund erkoren hast, kannst du genau diese Momente in deinem Alltag umarmen und das Gefühl genießen, dass du gerade dabei bist, innere Widerstände zu durchbrechen. Erschaff dir so viele Gelegenheiten wie möglich, in denen dein Krokodilhirn dich versucht, abzulenken, dir einzureden, dass du dich blamieren könntest, oder dich zum Prokrastinieren überreden will. Diese Momente sind ein wunderbarer Indikator, dass du lebst. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
 

2) Das Krokodil an die Leine legen

Im nächsten Schritt gilt es, dein Krokodil anzuleinen, sodass es gar nicht erst in Versuchung gerät, die Richtung in deinem Leben zu bestimmen. Und da die Leine natürlich auch nur eine Metapher ist, kommen hier einige konkrete Ideen, wie das in deinem Alltag aussehen kann:
 
  • Die Kraft der kleinen Schritte: Teile dir große Projekte in viele kleine Meilensteine auf und genieße die Erfolge, wenn du ein Zwischenziel erreicht hast. Das dadurch entstehende Momentum schläfert dein Krokodilhirn zuverlässig ein.
  • Scheiter dich vorwärts: Hab keine Angst, Fehler zu machen oder zu scheitern. Diese Momente bieten die besten Gelegenheiten, als Persönlichkeit zu wachsen und dazuzulernen. Und am Ende des Tages gibt es nur eine Möglichkeit, wirklich zu scheitern: Es gar nicht erst zu versuchen. Nicht wahr?
  • Zur Ideenmaschine werden: Entwickel so viele Ideen wie möglich. Gute wie schlechte. Rationale wie verrückte. Je absurder eine Idee klingt, desto besser. Je mehr du dich abseits der gewohnten Wege befindest, desto größer die Chance, dass du etwas erschaffst, das Bedeutung besitzt.
  • Konsistenz: Definiere Routinen, feste Prozesse und kraftvolle Gewohnheiten. Dein Krokodilhirn hasst die dadurch entstehende Konsistenz.
  • Verbindlichkeit: Verbanne die Ausreden aus deinem Alltag. Je verbindlicher du bist, desto erfolgreicher wirst du sein. Halte deine Versprechungen, insbesondere diejenigen, die du dir selbst gegeben hast.
  • Gelassenheit: Lass dich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen. Akzeptiere, dass sie passieren werden. Du hast nicht am so wichtigen Projekt gearbeitet, sondern stattdessen lieber Netflix geschaut? Du hast während deiner Diät eine große Portion Pommes mit Mayo gegessen? Oder du hast dich beim Schreiben deines Buchs von dem leeren Blatt Papier einschüchtern lassen und dich mit einer belanglosen Tätigkeit abgelenkt? Alles kein Problem. Solange es nur eine Ausnahme war und du am nächsten Tag wieder von vorne beginnst.

Ich hoffe sehr, dass dieser Artikel dir einige Antworten auf die Frage „Warum scheitern Veränderungen so häufig?“ geben konnte. Wenn du noch tiefer in die Psychologie der Veränderung eintauchen möchtest, dann empfehle ich dir mein Buch „Im Kopf beginnt die Freiheit“ empfehlen.

Der Zeigarnik Effekt: Ein faszinierendes psychologisches Phänomen

Der Zeigarnik Effekt ist ein faszinierendes psychologisches Phänomen. Er beschreibt nicht nur, warum Menschen sich an unterbrochene oder unerledigte Aufgaben besser erinnern können als an erledigte, sondern auch, warum Veränderungen im Business oder im persönlichen Alltag so häufig scheitern.  Lassen Sie uns als eintauchen in die spannende Welt des menschlichen Gehirns.

Warum behalten wir nicht erledigte Aufgaben besser im Gedächtnis?

Liebe Leserinnen und Leser, wie entspannen Sie am besten? Bei mir sind es die Joggingrunden durch den Wald. Denn wenn mein Körper in Bewegung ist, bewegt sich auch mein Geist. So auch vor kurzem. Während ich das Gefühl der Ruhe und Klarheit genieße, wandern meine Gedanken und ich reflektiere die stressigen letzten Wochen, die von Keynotes, Vorträgen und Reisen quer durch Europa gekennzeichnet waren. Eine Begegnung ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben.

Auf einem internationalen Leadership-Meeting in den österreichischen Alpen kam ich mit einem Manager eines großen Konzerns ins Gespräch, der mir erzählte, dass er seit einiger Zeit mit einem Personal Coach zusammenarbeiten würde, weil die überwältigende Anzahl von Aufgaben bei ihm vermehrt zu Stress, Grübelei und Überforderung geführt hatte. Sein Coach gab ihm daraufhin den Tipp, sich vor direkt vor dem Schlafengehen die wichtigsten Aufgaben des nächsten Tags bewusst ins Gedächtnis zu rufen, damit sich sein Unterbewusstsein im Laufe der Nacht auf die Suche nach möglichen Lösungen machen könne.

Der Zeigarnik Effekt: Die Hintergründe

Obwohl sich diese Vorgehensweise in der Theorie durchaus gut anhört, führte sie in der Praxis zum genauen Gegenteil der erhofften Ergebnisse. Der Manager fand nicht nur keine Lösungen für seine diversen Probleme, sondern er schlief sogar noch unruhiger und schlechter als vorher, was dazu führte, dass er morgens ein ganz neues Level von Stress erlebte.

Auf seine Frage, ob ich ihm einen Tipp geben könnte, erzählte ich ihm von einem Phänomen namens Zeigarnik Effekt, das nach der russischen Psychologin Bljuma Wulfowna Zeigarnik benannt ist.

Diese reiste im Jahr 1927 zu Forschungszwecken nach Berlin. Der Hintergrund ihrer Studien war eine Situation, die sie in einem Kaffeehaus beobachtete. Verblüfft stellte sie nämlich fest, dass ein Kellner in dem völlig überfüllten Lokal trotz großer Hektik eine Bestellung nach der anderen aufnahm, und sich diese trotz der hohen Anzahl merken und fehlerfrei ausführen konnte. Doch bereits wenige Minuten später konnte er sich nicht mehr daran erinnern, welche Gäste was genau bestellt hatten. Er behielt nur die Bestellungen im Gedächtnis, die er noch nicht abgeschlossen hatte.

Definition Zeigarnik Effekt

Auf Basis dieser Beobachtung lud Zeigarnik daraufhin 164 Probanden zu einem Experiment an die Humboldt-Universität ein, und gab ihnen die Aufgabe, etwas zu basteln oder zu zeichnen. Manche dieser Tätigkeiten durften beendet werden, während andere wiederum von der Psychologin unterbrochen wurden.

Und auch in diesem Kontext war das Ergebnis wieder das Gleiche. Unerledigte Aufgaben wurden bis zu 90 % besser behalten als diejenigen, die beendet wurden. Und zwar vollkommen unabhängig von Alter, Bildungsgrad, Geschlecht oder Herkunft. Daraus schlussfolgerte Zeigarnik, dass unser Gehirn für bevorstehende und unerledigte Aufgaben eine gewisse kognitive Spannung zur Verfügung stellt, die so lange erhalten bleibt, bis die Aufgabe abgeschlossen wurde. Passiert dies hingegen nicht, dann wird die mentale Spannung nicht durch das Lösen des Problems abgebaut, sodass dieses langfristig im Gedächtnis bleibt.

Die Kommode als Metapher für unser Gehirn

Falls Ihnen das zu kompliziert klingt, stellen Sie sich bitte für einen Moment eine große Kommode, vor, die sich in Ihrem Kopf befindet. Immer dann, wenn Sie im Laufe des Tages eine neue Aufgabe hinzubekommen, wird diese in eine Schublade gelegt, die so lange offen steht, bis die Aufgabe erledigt ist. Und weil die To-do-Listen vieler Menschen eben immer voller werden, sind am Ende des Tages in der Regel noch dutzende Schubladen geöffnet. Jetzt kommt der Zeigarnik Effekt ins Spiel, denn da wir uns an unerledigte Aufgaben besser erinnern, läuft unser Gehirn durch die erhöhte kognitive Spannung auf Hochtouren. Und kommt dadurch leider schwer zur Ruhe. Die Folge? Man schläft schlecht, fühlt sich gestresst und kämpft mit einer permanenten Überforderung.

Tipps für den Umgang mit dem Zeigarnik Effekt

Und genau aus diesem Grund konnte der Manager, mit dem ich mich nach meinem Vortrag unterhielt, sein Problem auch nicht lösen. Weil die bewusste Beschäftigung mit seinen offenen Schubladen alles nur noch schlimmer machte. Doch zum Glück ist es gar nicht so schwer, dem Zeigarnik Effekt ein Schnippchen zu schlagen, und dafür zu sorgen, dass man seine Tage mit einer mentalen Kommode beendet, bei der sämtliche Schubladen geschlossen sind, bzw. die Anzahl zumindest minimiert wird. Hier kommen daher meine besten Tipps, um genau das zu erreichen:

  • Prioritäten setzen: Je mehr offene Projekte, Aufgaben und To-dos wir haben, desto überforderter fühlen wird uns. Durch das konsequente Setzen von Prioritäten arbeiten Sie die wirklich großen Brocken zuverlässig zuerst ab. Fragen Sie sich regelmäßig: Was sind die wirklich wichtigen Dinge? Bei welchen Aufgaben hat die Erledigung den größten Effekt, wenn ich mich darum kümmere?
  • Fokus: Wenn Sie eine Aufgabe angehen, dann seien Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit zu 100 % nur bei dieser Aufgabe.
  • Die 2-Minuten-Regel: Wir alle kennen diese kleinen, vermeintlich unbedeutenden Aufgaben, die wir gerne auf später verschieben, nicht wahr? Doch auch viele kleine geöffnete Schubladen führen auf Dauer zu Grübelei und Stress. Wie wäre es daher mit folgendem: Verschieben Sue niemals eine Aufgabe, die sich in zwei Minuten oder weniger erledigen lässt, sondern gehen Sie diese direkt an.
  • Loslassen: Lassen Sie so viele To-dos wie möglich los. Eine Möglichkeit ist das Delegieren an andere Personen, sodass die Aufgabe in Ihrem Kopf psychologisch als abgearbeitet gilt. Alternativ können Sie auch Aufgaben zeitlich zurückstellen (in die mentale Wiedervorlage), sodass sie temporär als erledigt betrachtet werden können.

 

Nutzen Sie den Zeigarnik Effekt positiv für Ihren Alltag

Je besser Sie in der Lage sind, Ihre geöffneten Schubladen zu schließen, desto mehr wird es Ihre mentale Hygiene danken. Und natürlich können Sie den Zeigarnik Effekt auch zielgerichtet und mit Intention einsetzen. So enden beispielsweise Serien immer mit einem Cliffhanger an der spannendsten Stelle, Einzelhändler arbeiten gerne mit zeitlich begrenzten Angeboten und vom Schriftsteller Ernest Hemingway ist überliefert, dass er seine Arbeit immer ganz bewusst an einer Stelle unterbrach, an der er theoretisch noch hätte weitermachen können. So war er in der Lage, am nächsten Tag schnellstmöglich wieder in den Flow zu finden. Enden möchte ich daher mit einer Frage: Wie können Sie den Zeigarnik Effekt in Ihrem Alltag positiv nutzen?

P.S.: Der Vollständigkeit sei erwähnt, dass die Ergebnisse des Experiments im Nachgang nicht wiederholt werden konnten, und der Effekt daher durchaus kontrovers diskutiert wird. Die grundsätzliche Wirkung des Zeigarnik Effekts finden Sie aber überall im Alltag

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Ilja Grzeskowitz Buch "Mach es einfach" vor weißer Wand.